Uwe Claudi in seinem Geschäft in der Zwickauer Innenstadt, das gleichzeitig Werkstatt ist. Hier repariert der Leipziger Schuhe, fertigt Schlüssel, schleift Messer und Scheren, graviert Ringe und Türschilder, näht Handtaschen.
Foto: Marcus Richter
Ein Schuster findet daheim kein Geschäft
53-jähriger Schuh-Dienstleister arbeitet in Zwickau und pendelt an den Wochenenden nach Hause
Zwickau. Der berufstypische krumme Rücken stammt aus seiner Zeit auf dem Bau und nicht etwa vom Schusterhandwerk. Mit der Schürze um den Bauch beugt sich der hochaufgeschossene Mann über die Werkbank und widmet sich dem Oberleder eines Schuhs.
Uwe Claudi ist Leipziger, arbeitet aber in Zwickau. Er hat sich im Kaufhaus Joh eingemietet. Seit Herbst 2004 ist er dort tätig. Denn die Kette "Mister Minit", ein Dienstleister für das Reparieren von Schuhen, verlängerte damals Claudis Vertrag im Leipziger Paunsdorf-Center nicht.
Der heute 53-Jährige hatte das Geschäftskonzept von Mister Minit regional genutzt - und dafür rund zehn Prozent seiner monatlichen Einnahmen an die Firma abgeführt. Als Ausgleich für den Verlust des Leipziger Ladens bot ihm die Kette an, deren Zwickauer Geschäft weiterzuführen. Umziehen, die Heimat verlassen? Mangels freier Läden in Leipzig und Umgebung nahm Claudi an. Zum Paketpreis erhielt er das 40 Quadratmeter große Geschäft mit Möbeln, Schleifmaschine und Presse.
Umsatz halbiert
"Zwickau ist keine Goldgrube, aber ich habe mein Auskommen", sagt der ruhige Mann mit der Brille. In Leipzig habe er den doppelten Umsatz gemacht, auf nur 18 Quadratmetern Fläche. Für Uwe Claudi hat das einen einfachen Grund: In Zwickau wohnen weniger Leute. Demzufolge gibt es auch weniger kaputte Schuhe und weniger Umsatz. An der Mulde zählt er 600 Kunden im Monat, in Leipzig waren es zweimal so viel. Dort seien allein im Kaufland des Centers mehr Leute unterwegs gewesen als in Zwickaus Innenstadt. Aber auch für Zwickau spricht einiges: Hier ist die Konkurrenz geringer. Zudem muss der Beinahe-Einzelkämpfer, der auf Stundenbasis Hilfskräfte beschäftigt, an das Kaufhaus Joh weniger Miete zahlen als an das Leipziger Center. Über die Höhe des Betrages schweigt er sich aus, verrät nur, dass er in beiden Städten vierstellig war beziehungsweise ist.
"Lieber gestern als heute wäre ich dauerhaft bei meiner Ehefrau Ilona", sagt Claudi. Und begründet: "Zum Reden, zum Berühren." Seit 31 Jahren seien sie miteinander verheiratet. Und hätten sich auch durch die räumliche Trennung nicht auseinandergelebt. Aber seine Frau müsse von Montag bis Freitag alles allein stemmen, angefangen beim Schleppen der schweren Einkaufstaschen. Zudem ist sie berufstätig, arbeitet bei der Post. Kehrt Uwe Claudi am Wochenende in seine Heimatstadt zurück, erledigt er all die handwerklichen Aufgaben, die sich unter der Woche in der Leipziger Wohnung ergeben haben.
Ein Geschäft für 12.000 Euro
Der Schuster wünscht sich nichts sehnlicher als eine Rückkehr nach Leipzig - und das seit mehr als sieben Jahren. Aber Voraussetzung dafür bleibt, dass er einen Käufer für sein Zwickauer Geschäft findet und sich gleichzeitig ein freies in Leipzig auftut. Im vergangenen Jahr hätte er in Eutritzsch, einem Stadtteil von Leipzig, eines haben können - zum Kaufpreis von 12.000 Euro für 40 Quadratmeter. Aber damals stand für das Geschäft in Zwickau kein Interessent in den Startlöchern - und das ist leider bis heute so geblieben.
"Unter einem fünfstelligen Betrag verkaufe ich nicht", erklärt Claudi, der sich wundert, wie schwierig sich die Nachfolgersuche gestaltet. Sollte er sich doch noch mit einem Käufer handelseinig werden, braucht er im Gegenzug Räumlichkeiten in der Messestadt. Dort hält ein Lieferant, der Claudi in Zwickau mit Sohlen, Absätzen, Nägeln oder Leim versorgt, die Augen offen. Aber der blonde Mittfünfziger bleibt nüchtern: "Alle großen Leipziger Einkaufszentren haben schon einen wie mich. Aber ich bin nicht der Typ, der zu Hause herumsitzt. Dann lieber auswärts arbeiten." Der Leipziger kennt längere Phasen der Arbeitslosigkeit - und die waren nicht angenehm. Zu Beginn war es für Uwe Claudi auch in Zwickau schwierig: Der hagere Mann lebte 2004 in einer Wohngemeinschaft, in der das Brot im Regal schimmelte und sich niemand für die Kloreinigung verantwortlich fühlte. Später fand er ein Quartier zur Untermiete, in einem Haus im Stadtteil Marienthal. Dort wohnt er noch immer. Aber das Kapitel Zwickau soll lieber heute als morgen Geschichte sein.
Service
Uwe Claudi, Zwickau, Marienstraße 16-20. Geöffnet: Mo-Sa 9-19 Uhr. Ruf: 0375 2739337. Schuhreparaturen, Näh- und Schleifarbeiten, Schlüsselanfertigung, Gravuren.


