Erinnerung an 41 Jahre Arbeit im Reichsbahnausbesserungswerk: Klaus Hertel zeigt das Abschiedsgeschenk, das ihm seine ehemaligen Kollegen gemacht haben. Die Rente, mit der er nun seinen Lebensabend bestreitet, liegt mit Bahn-Zuschlag bei 770 Euro.
Foto: Marcus Richter
"Ich würde auch gern mal schön verreisen"
Zahlreiche Menschen kommen mit ihrer Rente nicht aus und erhalten Hilfe
Zwickau. Der Ehrenplatz für 41 Jahre harte Arbeit für die Eisenbahn befindet sich auf dem Küchenschrank. Ein Miniatur-Güterwagon auf einer Modellbauschiene, die wiederum auf einem Zwanzig-Zentimeter-Abschnitt eines Originalstrangs aufgeklebt ist, soll Klaus Hertel an seine Zeit beim Reichsbahnausbesserungswerk in Zwickau erinnern. Kollegen haben ihm das Stück, das einer Trophäe für fleißige Hände ähnelt, geschenkt, als er vor acht Jahren in den Vorruhestand gegangen ist. Es ist der Dank für die Jahre im Drei-Schicht-System sowie für die Chemikalien, die ihm beim Entrosten und Lackieren der Wagons in die Nase stiegen und deren Nachwirkungen erst jetzt im Alter zum Vorschein treten. Und womöglich ist es auch eine Geste der Entschuldigung, dass es trotz des Einsatzes, den Hertel gezeigt hat, nur zu einer Rente von 712 Euro gereicht hat.
Bedarf beträgt rund 660 Euro
Hertel empfindet das - trotz eines Zuschlags von 58 Euro monatlich, den die Bahn zahlt - als wenig. In der Statistik dagegen taucht seine Rente im Niemandsland der uninteressanten Werte ab. Soll heißen: Er kriegt per Gesetz genug. Die Grenze für die so genannte Grundsicherung im Alter - eine Art Hartz IV für über 65-Jährige, die von ihrer Rente nicht leben können - liegt laut Landratsamt in Westsachsen bei rund 660 Euro. Wer weniger Rente kriegt, hat gute Chancen, vom Sozialamt des Landkreises mit Extra-Geld bedacht zu werden. Ungefähr 550 Menschen zwischen Limbach-Oberfrohna und Werdau kamen 2008 in den Genuss. Das ist die aktuellste Zahl, die das Statistische Landesamt zu bieten hat.
Katharina Wienhold versuchte nach der Wende mit ihrem eigenen Laden ihr Glück - und scheiterte.
Foto: Privat
Was in den Ohren der einen sozial klingt, weil der Staat seinen Bürgern unter die Arme greift, halten andere für problematisch. Sabine Zimmermann etwa, Südwestsachsens Regionalvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes und für die Die Linke Mitglied im Bundestag, rechnet vor allem im Osten mit deutlich mehr Menschen, deren Rente nicht einmal das Grundsicherungsniveau erreicht. Die Langzeitarbeitslosigkeit vieler nach der Wende habe "große Löcher in die Rentenansprüche gerissen". Ihrer Meinung nach müsse etwas gegen die niedrigen Renten getan werden, die Grundsicherung sei ja nur der letzte Rettungsanker.
600 Euro bleiben nach 30 Jahren
Hannelore Hartwig wird sich dieses Ankers bedienen müssen. Zurzeit steht sie dem Arbeitsmarkt, wie es so schön heißt, noch zur Verfügung. Nur hatte dieser Arbeitsmarkt in den vergangenen 16 Jahren, seit Hartwigs nach der Wende eröffnetes Café pleiteging, keine Verwendung mehr für die ehemalige Textiltechnikerin. Im Oktober geht die 62-Jährige deshalb vorzeitig in Rente, rund 600 Euro wird sie dann bekommen, wurde ihr mitgeteilt. "Und das nach fast 30 Jahren, in denen ich gearbeitet habe", sagt die Lichtensteinerin mit einem Hauch Unverständnis in der Stimme. "Davon muss ich dann alles bestreiten, ich bin doch alleinstehend."
Bezugsgrößen für das, was der Staat als Grundbedarf für Rentner definiert, sind laut Ines Bettge, Sprecherin des Landratsamtes des Landkreises Zwickau, die Regelsätze, die auch für Hartz IV gelten. Demnach addiert sich der Regelbedarf eines Menschen (359 Euro monatlich) mit dem Bedarf für die Miete (für einen Alleinstehenden inklusive Nebenkosten etwas mehr als 300 Euro) auf ungefähr 660 Euro. Einem Zwei-Personen-Haushalt stehen neben zweimal 359 Euro rund 400 Euro für die Miete zu - was insgesamt also gut 1100 Euro ergeben würde.
Im Lichtensteiner Frauenzentrum helfen Katharina Wienhold (links) und Hannelore Hartwig in der Küche mit. Die Renten der beiden liegen unter dem, was der Staat als Grundniveau definiert. Hartwig wird ab Oktober zum Beispiel rund 600 Euro bekommen.
Foto: Andreas Kretschel
Der Garten als letzte Idylle
Für einen Teil der gut 90.000 Westsachsen, die älter als 65 Jahre sind und einen Rentenanspruch haben, klingen die Zahlen wie aus einer anderen Welt. Neben den 550 Menschen, deren Rente vom Grundsicherungsamt aufgestockt wird, gibt es eine große Dunkelziffer von Rentnern, die sich mit dem wenigen Geld zufriedengeben, glaubt Gewerkschaftsfrau Sabine Zimmermann. Einige mögen gar nicht wissen, dass sie einen Anspruch auf Hilfe haben. Ein größerer Teil dürfte aber einfach aus Scham darauf verzichten, zum Sozialamt zu gehen.
Katharina Wienhold, 65 Jahre alt, alleinstehend, erhält 650 Euro Rente. Mehr ist nicht geblieben von den Jahren als Gruppenleiterin bei der HO, der Handelsorganisation in der DDR, zuvor hat sie in der Textilindustrie gearbeitet. "Nach der Wende habe ich mich selbstständig gemacht, das war mein größter Fehler", sagt die Lichtensteinerin. Von der Treuhand habe sie eines der Handelsgeschäfte gekauft, die der Konkurrenz der aus dem Boden sprießenden Supermarktketten letztlich nicht gewachsen waren. 1994 war der Traum ausgeträumt.
Andere Träume sind aber geblieben. "Ich würde auch gern mal schön verreisen", sagt Wienhold, und auch Hartwig klagt, dass sie jahrelang nicht verreisen konnte, "und mit der Rente geht es nun gleich recht nicht mehr". Immerhin: In der Kulturgruppe des Frauenzentrums am Lichtensteiner Altmarkt spielen beide mit, jedes Jahr machen die Mitglieder eine Ausfahrt. Klaus Hertel hat sich dagegen abgewöhnt, in die Ferne zu schweifen, begnügt sich stattdessen mit einem Stück Garten, das er in Eckersbach für 70 Euro pro Jahr gepachtet hat. "Ohne Laube", sagt er, "nur ein paar Beete, dass man bei schönem Wetter mal rauskommt".


