Töpfchenrunde bei Stefan Gürtler. Auf Anthony, Luca Jay, Fenja und Alina (von links) kann er individuell eingehen. Johann liegt schon im Bett.
Foto: Ralph Köhler
Seine tiefe Stimme beruhigt die Babys
Im Landkreis Zwickau arbeiten drei Männer als Tagesväter
Zwickau. Stefan Gürtler will kein Exot sein, ist es statistisch gesehen aber dennoch: Er arbeitet als Tagesvater. Im Landkreis hat er nur zwei männliche Kollegen - gegen weit mehr als 60 weibliche. Unter der Wohnung, in der er mit seiner Familie lebt, hat er eine zweite angemietet, die kindgerecht eingerichtet ist. Hier betreut er fünf Kinder im Alter bis zu drei Jahren. Im Spielzimmer sitzt der 45-Jährige auf dem Sofa und hält den kleinen Anthony im Arm. "Ich muss zu jedem Kind eine Bindung aufbauen", erklärt Gürtler. "Nur so fühlt es sich geborgen und hat keine Angst."
Seine eigenen zwei Töchter sind Teenager und brauchen ihn kaum noch. "Da kommt schon mal der Satz ,Papa du nervst'", sagt Gürtler. "Aber hier habe ich immer jemanden zum Knuddeln." Es stimme, dass zu wenig Männer in der Kinderbetreuung arbeiten. "Aber trotzdem überschätzt man den Unterschied zwischen Mann und Frau." Besonders für Kleinkinder spiele es kaum ein Rolle, welches Geschlecht ihr Gegenüber hat. "Die Gesellschaft hat festgelegt, dass Männer und Frauen verschieden sind. Aber es hängt vom Typ ab." Er sei eher der einfühlsame Typ, der beruhigend auf Babys wirkt. "Ich kann besser stillen als viele Frauen, nur dass ich eine Flasche brauche." Dabei helfe seine tiefe Stimme. "Und ich kann besser loslassen als Frauen", erklärt Gürtler. Das gehört zu seinem Konzept. Ihm ist es wichtig, dass die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen. Sich den Kopf zu stoßen oder die Finger einzuklemmen, das gehöre dazu. Nur so könnten sie lernen, aufzupassen. Nur eine Wickelkommode, die habe er nicht, das sei zu gefährlich. "Auf dem Boden geht es auch. Ich habe schon Hornhaut an den Knien."
"Mein Sohn Luca Jay ist vorsichtiger geworden, seitdem er hier ist", sagt Nicole Kubiak. "Er hat gelernt, dass ich nicht immer hinter ihm stehe und ihn auffange, wenn er fällt." Warum sie sich für Gürtler entschieden hat? "Luca soll sehen, dass es außer Papa auch noch andere Männer gibt", sagt die 24-Jährige. Ihr Umfeld reagiere oft überrascht vom männlichen Betreuer ihres Sohnes. "Was, das gibt es auch?", höre sie dann.
Laut dem Statistischen Landesamt Sachsen stieg 2011 die Zahl der Tagesväter im Freistaat um 18. "2011 gab es 73, im Jahr 2010 waren es noch 55 Männer", sagt Sylvia Prittmann, Referentin für Kinder- und Jugendhilfe. Sie erläutert, dass es die meisten Tagesväter in Leipzig (44) und Dresden (16) gebe.
Stefan Gürtler hat seinen Traumberuf erst spät gefunden. Bis 2008 arbeitete der gelernte Chemiefacharbeiter in der Industrie, mit Schichtdienst und Wohnung in Speyer. Mit der Wirtschaftskrise kam die Arbeitslosigkeit und die Möglichkeit zur beruflichen Qualifizierung für die Tagespflege. 2009 machte er sich schließlich als Tagesvater selbstständig, ist heute auch Vorsitzender des "Kindertagespflegevereins Zwickau und Umgebung". "Mit 20 wäre ich nie auf die Idee gekommen, sowas zu machen", sagt er. Dass sich die Geschlechterrollen immer weiter aufweichen, helfe ihm. "Ich muss heute kein Macho mehr sein, ich kann mich auch um Kinder kümmern."
Service: Am Mittwoch findet der erste Tagesmütter-Stammtisch 19 Uhr im Mütterzentrum auf der Kolpingstraße Zwickau statt. Er steht allen Interessierten aus dem Landkreis offen.


