Christoph Ullmann (links) und Sandra Klötzer (2. von links) zusammen mit Jugendlichen im Jugendcafé des Blauen Kreuzes an der Hegelstraße.
Foto: Marcus Richter
Verführte Kinder und ein Millionen-Erpresser
Streetworker vom Blauen Kreuz ziehen Bilanz fürs Jahr 2008: Noch nie so extreme Fälle und so viele Ratsuchende
Zwickau. Angesichts 13- und 14-jähriger Kinder, die in Reihen rechtsextremer Demonstranten im vergangenen Jahr oft lauthals rohe Parolen brüllten, weiteten sich bei vielen Gegendemonstranten schockiert die Augen. Streetworker Christoph Ullmann indes schaute eher auf die Augen der jungen Krakeeler. In Momenten, wo sie vom Skandieren pausierten, blitzte sie auf, die Entgeisterung. Offene Münder und Blicke, die staunend über die Masse der Polizisten in olivgrünen Overalls wanderten. Erste Gespräche, die der Streetworker mit einigen der Kinder anstieß, bestätigten seine Vermutung: "Hier gibt es ein bisschen Action", gibt Ullmann die Reaktionen der Kinder-Nazis wieder. Auch die entgeisterten Blicke sprachen Bände: So viele Polizisten und alles meinetwegen!
"Da muss man relativ wenig leisten, um ernst genommen zu werden", fasst Ullmann den Reiz der Demos zusammen. Dass er und seine Kollegin Sandra Klötzer angefeindet wurden, weil sie mit jungen Rechten das Gespräch suchten, lässt den Streetworker vom Blauen Kreuz kalt. "Es geht uns nicht um die Wortführer, sondern um die jungen, die verführt werden", sagt Ullmann. Bei diesen Nachwuchsradikalen habe er den gleichen Eindruck wie bei vielen anderen Klienten, die er hauptsächlich in Marienthal und Neuplanitz an Cliquentreffs aufsucht. "Was die suchen ist eine Art Mentor. Das Leben erfüllt sich eben in Begegnungen und nicht am Rechner", sagt Ullmann. Deswegen weiche er von herkömmlichen sozialpädagogischen Ansätzen ab, die ein Minimum an Einmischung verlangen. "Viele brauchen eine klare Ansage", so Ullmann -in einer Zeit, in der in Familien oft Kommunikationsarmut herrsche, umso mehr. Wo der Draht zu Eltern zu reißen drohe, würden Kinder anfällig für Suchtmittel oder Parolen.
Die 24 Jahre Altersunterschied zwischen ihm mit seinen 50 und seiner Kollegin mit ihren 26 Jahren sieht Ullmann als Vorteil. "So decken wir ein größeres Spektrum ab", sagt er. 1764 Beratungen bilanzierte das Streetworker-Duo im zurückliegenden Jahr, rund doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. Allerdings seien auch viele Gespräche mit Rat suchenden Eltern dabei. "Auch bei Erwachsenen haben sich Wertigkeiten verschoben. Manche haben nichts zu essen im Haus, aber einen riesengroßen Flachbildschirm", wundert sich Ullmann.
Sandra Klötzer ist aufgefallen, dass die Problemfälle noch nie so extrem waren. Sie entsinnt sich des Tags im Frühjahr, als das Büro an der Neuplanitzer Allendestraße zur Polizeizentrale wurde. Die Schwester des Zwickauers, der mit Bombendrohungen versuchte, von Kanzlerin Merkel 32,8 Millionen Euro zu erpressen, hatte die Streetworker eingeschaltet. "Sie hatte mitgeholfen, die Briefe zu versenden, dann merkte sie, dass es heiß wurde", berichtet Klötzer. Die Familie des Erpressers war den Streetworkern hinlänglich bekannt. "Wir konnten der Polizei so weit helfen, dass kein Anti-Terror-Kommando anrückte", so Ullmann.
Zum Schauplatz eins SEK-Einsatzes wurde die Wohnung des Erpressers an der Marienthaler Straße zwar, doch verlief die Verhaftung unblutig. Ein weiterer Erfolg des Jahres bestand für Klötzer in der Rettung des Neugeborenen einer drogenabhängigen Mutter. Die Frau hatte sich nach der Entbindung aus der Klinik entlassen lassen, während ihr Kind noch mit Folgen des Drogenmissbrauchs in der Schwangerschaft kämpfte. Gegen Protest der Mutter wurde der Säugling in eine Pflegefamilie vermittelt. Ideal läuft ein Fall aber erst, wenn auch Betroffene selbst die Intervention als Erfolg werten. Klötzer strahlt, auch das gab es 2008: Ein beratenes Mädchen, das eine Lehrstelle im Hotelfach suchte. "Bei fünf verschickten Bewerbungen bekam sie vier Zusagen von Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels", so Klötzer.
Kontakt
Neben ihren Runden durchs Revier bieten die Streetworker auch Treffen für von Drogenmissbrauch Betroffene (einmal im Monat montags) und deren Eltern (einmal monatlich mittwochs) an. Infos unter der Rufnummer 0375 7883082.


