Wenn der Kranke nicht mehr leben will
Zum vierten Mal ist am Samstag im Heinrich-Braun-Klinikum (HBK) der Palliativtag veranstaltet worden
Zwickau. Gibt es eine Selbstbestimmung der Patienten bis zuletzt? Und wenn ja, wie bringt man sie mit den medizinischen Erfordernissen in Einklang? Oder ist es vielmehr so, dass der Patient in dieser Hinsicht zu bestimmen hat, was die medizinischen Erfordernisse sind, wo es doch um ihn geht? Wie weit dürfen, können und sollen Mediziner, Pflegekräfte im Streben um das Wohl des Patienten gehen?
Das alles waren Fragen, die am Sonnabend beim vierten Palliativtages am HBK diskutiert wurden. Im Mittelpunkt der von den HBK-Kliniken für Anästhesie und Intensivmedizin sowie Innere Medizin III, der Medizinischen Gesellschaft Zwickau, dem Südwestsächsischen Tumorzentrum, der Kreisärztekammer und dem Hospizdienst Elisa organisierten Veranstaltung, an der rund 140 fachlich Interessierte teilnahmen, stand ein Vortrag des in Fachkreisen bundesweit bekannten Arztes und Patientenrechtlers Dr. Michael de Ridder, Chefarzt der Rettungsstelle Vivantes Klinikum Am Urban Berlin und Autor des viel diskutierten Buches "Wie wollen wir sterben?" Er vertritt die These, dass in vielen Fällen Ärzte dazu neigen, den Wunsch aussichtslos erkrankter Patienten, ihr Leben nicht weiterzuführen, nicht zu respektieren.
Prof. Dr. Horst Haltenhof, Psychiatriechefarzt am HBK, betonte in seinem Beitrag "Depression und Suizidgefahr am Lebensende", man müsse unterscheiden: Ist die Depression in diesen Fällen eine eigenständige seelische Krankheit oder eine normale Reaktion, resultiert sie aus einer anderen Erkrankung? Bedarf sie Behandlung oder Begleitung?
Hier wie dort gilt etwas, das eigentlich auf der Hand liegt: "Das entscheidende Medium, um den Patientenwillen zu erfahren, ist das Gespräch aller Betroffenen. Uns als Medizinern fällt es immer schwer zu sagen: ,Wir lassen das Sterben zu'", so Dr. Waltraud Zschille, Oberärztin an der neuen HBK-Palliativstation. Von einer "Schulung des Gewissens" sprach Dr. Andreas Weiß von der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin. "Der mündige Patient existiert nicht von sich aus. Wir müssen uns die Zeit nehmen, ihn so zu informieren, dass er mündig wird" so Dr. Steffen Hößler, Oberarzt in der HBK-Klinik für Intensivmedizin. Gespräche aber bräuchten Zeit. Zeit, die zum Leidwesen der Betroffenen im Gesundheitswesen oft nicht vorgesehen sei. Insofern sei der Palliativtag auch eine Veranstaltung mit politischer Dimension gewesen.


