Ergebnisse, die nach altem, solidem Automobilbauerhandwerk aussehen, erreicht man oft am besten mit authentischer Technik, ist Michael Junghänel überzeugt. So stehen in seiner Wiesenburger Werkstatt zwei aus Großbritannien importierte historische Blechbiegemaschinen, mit denen Karosserieteilen die gewünschte Form verliehen werden kann. Das nötige Geschick und Gespür fürs Material und den Umgang damit ersetzen sie freilich nicht.
Foto: Andreas Wohland
Wiesenburger will Horch Nr. 1 mitbauen
Michael Junghänel rekonstruiert alte Zeugnisse der Automobilbaukunst
Wiesenburg/Zwickau. Andere Leute haben so etwas gerahmt hängen - ganz einfach, weil sie Oldtimerfans sind. Das ist Michael Junghänel auch. Aber die 14 historischen Fotos, die fein säuberlich unter- und nebeneinander an der Pinnwand in seiner Werkstatt in Wiesenburg hängen, sind sein Arbeitsmaterial. Ihr Motiv ist allen Fotos gemein: ein Horch Cabrio, gebaut in den späten 20er Jahren. An den Fotos orientiert er sich zurzeit, wenn es darum geht, im Auftrag eines Privatkunden dieses Schmuckstück nachzubauen.
Chassis, Motor, Kühler - viel ist vom Original nicht erhalten. Aber die Fotos reichen ihm, auf Maße und Dimensionen der nicht mehr erhaltenen Teile zu schließen: "Ich kenne den Federweg, ich kenne die Spritzwandhöhe, den Durchmesser der Felgen - daraus ergibt sich mit traditionellen Konstruktionsmethoden eigentlich schon der Aufbau der kompletten Karosserie", sagt Junghänel, der einen Wiederaufbau wie diesen gemeinsam mit einem Netzwerk weiterer versierter Handwerker aus der Region angeht - Sattler, Polsterer, Fahrzeugstellmacher. Dabei gelten für ihn vor allem zwei Maximen: "Es muss aussehen wie das Original, und von der Oberfläche perfekt sein."
Nicht als seine Aufgabe oder als die von Fahrzeugrekonstrukteuren an sich sieht er es, klüger sein zu wollen als die, die schufen, was er heute nachbaut. Technische Lösungen von einst, die mit dem Wissen von heute eigenartig oder abenteuerlich anmuten zu verbessern, sei nicht professionell. Die Aufgabe, die sich der Förderverein des August-Horch-Museums jetzt gestellt hat, bei breiter Verteilung der Aufgaben August Horchs erstes Zwickauer Auto nachzubauen, reizt ihn natürlich. Er hat sich bereiterklärt mitzumachen, und hält die Aufgabe für sein Gewerk für lösbar: "Sind maßstabsgerechte Skizzen da und Details festgelegt, ist das kein Problem."
Freilich war Junghänel nicht von Anfang an mit dem Ziel ins Berufsleben gestartet, automobile Denkmale wieder aufzubauen. Seit der Lehre als Mechaniker und Karosseriebauer hat er im Auftrag von Oldtimerfreunden oft Karosserieteile nachgebaut: "Das war mal eine Tür, mal ein Kotflügel, mal zwei, mal ein ganzes Auto", erinnert er sich. Dabei begab er sich teilweise auf völlig neues Terrain, bei dem ihm sein Ausbildungswissen nicht viel weiterhalf: "Ich kann ja niemanden fragen, wie man damals gearbeitet hat. Man braucht viel Gefühl und Gespür für das Ganze. Und wenn ein gutes Ergebnis dabei rauskommt, ergibt sich alles Weitere von selbst", sagt Junghänel.
Irgendwann war das so viel, dass er es mit seiner Arbeit in der Unfallinstandsetzung eines Zwickauer Autohauses nicht mehr unter einen Hut bekam. 2007, im Alter von 30 Jahren, machte er sich selbstständig und beschäftigt mittlerweile noch einen Angestellten. Auf beide wartet neben dem Horch Cabrio, der mit halb beplanktem Holzgestell in der Werkstatt steht, zurzeit ein weiteres schönes Stück Arbeit: Sie bauen eine Rarität aus frühen DDR-Zeiten originalgetreu wieder auf.
Service
Wer am Nachbau des ersten Zwickauer Horch mitwirken will, wendet sich an die Redaktion Zwickau der "Freien Presse", Hauptstraße 13, 08056 Zwickau, Ruf 0375 549-16146, E-Mail: red.zwickau@freiepresse.de

