Martina Kunze (re.) sucht einen Heimplatz für ihre Freundin Waltraud Heyn.
Martina Kunze (re.) sucht einen Heimplatz für ihre Freundin Waltraud Heyn.

Foto: Andreas Wohland

Zwickauerin findet keinen Platz im Pflegeheim

Das Warten zermürbt die 81-Jährige

Zwickau. Die Kraft in Armen und Beinen hat nachgelassen. Waltraud Heyn kämpft zum dritten Mal gegen den Krebs, wurde im Sommer an der Galle operiert. Aber sie hat ihren Lebensmut nicht verloren, ist geistig voll da und macht Witze. Jetzt möchte sie in ein Altenpflegeheim ziehen. Sie hat sich das Urbanushaus der Stadtmission Zwickau in Thurm ausgesucht und auf die Besichtigung anderer Einrichtungen ganz verzichtet. Das Urbanushaus erscheint ihr "klein und fein", gewährt eine Rundumbetreuung. Allerdings sind die 44 Plätze komplett belegt. Heyn hat sich zumindest auf Rang 1 der Warteliste für ein Einzelzimmer vorgearbeitet.

Das wäre ihr im "Grünen Hof" in Zwickau nicht so schnell gelungen. Direkt am Schwanenteich sollte das Heim der Stadtmission mit 53 barrierefreien Wohnungen entstehen. Noch vor dem geplanten Baustart gab es mehr als 100Bewerber. Doch wegen gestiegener Kosten wurde das Vorhaben nun gestoppt. Somit müssen die 100 Interessenten auf einen Platz in den 56 etablierten Pflegeheimen des Kreises hoffen.

Waltraud Heyn wird bei ihrer Suche von einer guten Freundin unterstützt: Martina Kunze (52) würde die 29 Jahre ältere Dame sogar gern selbst betreuen, kann aber nicht. 1977 waren die beiden Frauen Lehrling und Lehrmeisterin an der Drehbank im RAW Zwickau. Es begann eine "Freundschaft auf Lebenszeit", wie es Kunze nennt. "Da ich mit meinem Mann in Lichtenstein im vierten Stock eines Hauses ohne Fahrstuhl wohne, kann ich Frau Heyn nicht zu mir nehmen." Auch zeitlich wäre es schwierig: Martina und Steffen Kunze arbeiten bei VW in Mosel. "Die Situation bereitet mir Schuldgefühle und schlaflose Nächte", sagt Martina Kunze.

Als sich Waltraud Heyn mit dem Gedanken an ein Heim angefreundet hatte, schaute sie sich das Urbanushaus an. Es liegt auf halbem Weg zwischen Mosel und Lichtenstein und ermöglicht Martina Kunze den Besuch nach ihrem Feierabend. Heyn gefielen vor allem die große Terrasse und der Aufenthaltsraum. Ende August gaben die Freundinnen, die vom Alter her Mutter und Tochter sein könnten, die Anmeldung für die 81-Jährige ab. "Sobald ein Zimmer frei wird, ist es Ihres", sagte Wohnbereichsleiter Benjamin Braune. Wenn Mieter ihren Vertrag kündigen oder jemand stirbt, rücken die Wartenden nach vorn. Das klingt hart, ist aber Alltag im Pflegeheim. Das Thurmer Doppelzimmer für 993 Euro kommt für Heyn nicht infrage, sie will eine Rückzugsmöglichkeit. Für das Einzelzimmer wird die Rentnerin einen Eigenanteil von 1113 Euro aufbringen müssen.

Bis zum Frühjahr konnte sich die alte Dame noch gut um sich selbst kümmern, dann folgten die neuerliche Krebsdiagnose, zwei Chemotherapien und der sommerliche Aufenthalt in einer Kurzzeitpflegestation, der viel Geld gekostet habe.

Und nun das Warten auf den Heimplatz. Jeden Tag hofft Heyn auf den erlösenden Anruf aus dem Urbanus. "Ich finde es traurig, dass sie nach 46 Jahren Schichtarbeit an der Drehbank solch einen unwürdigen Lebensabend hat", sagt Martina Kunze. Mit der vor einem Dreivierteljahr gekauften Karte für das Helene-Fischer-Konzert am 22. September in Chemnitz möchte sie ihrer früheren Ausbilderin eine Freude machen. Sie hofft, dass die Gesellschaft älterer Damen und Herren im Heim Heyn guttut und sie sich dann nicht mehr allein fühlt. Im Foyer der Thurmer Einrichtung findet sich eine eingemauerte Schiefertafel: "Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren."

 
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erschienen am 17.09.2012 ( Von Matthias Nicko )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
2
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  • 18.09.2012
    11:00 Uhr

    mrsmiez: Jetzt ist die alte Dame schlimm dran, aber warum hat sie sich nicht schon früher unverbindlich in einem Heim angemeldet?
    Ende August hat sie erst einen Antrag gestellt und jetzt nach 3 Wochen will sie nicht einsehen, dass die Heime im Moment belegt sind. Dabei stellt sie auch noch den Anspruch auf ein bestimmtes Heim und ein EINZELZIMMER. Wenn ich einen Platz so dringend brauche, dann bin ich auch erst einmal mit einem Doppelzimmer zufrieden! Dann habe ich den Fuß in der Tür.

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  • 18.09.2012
    08:44 Uhr

    KarlFriedrich: Bei allem Respekt aber das ist doch eine Geschichte von Hunderten, die sich im Kreis Zwickau zutragen.
    Und warum klingt die Überschrift so, als hätte es die Dame verzweifelt in mehreren Einrichtungen der Stadt versucht?
    Ich hoffe, der Autor des Berichtes, Herr Nicko, ist der Dame nicht näher bekannt und möchte damit vielleicht der einen oder anderen Bewohnerin des Urbanushauses ins Gewissen reden?!

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