Unter uns
Blog von Manuela Müller - 13.03.2011 - 16:30:00
Gib uns Gummi
Ich schmierte gerade Schnittchen fürs Abendbrot, als mein Handy klingelte: eine Dienstnummer, vermutlich ein wichtiges Gespräch. Dummerweise ist so etwas meinen Kindern egal. Und wenn sie müde und hungrig sind, dann erst recht.
Jette (18 Monate) tapste wimmernd durch die Küche. Marius (3) schubste sie um, Jette schrie und zog ihn am Pulli, und dann schrien beide. Ich verstand nichts von dem, was mein Kollege sagte. "Moment, gleich wird Ruhe sein. Ich gebe den Kindern Gummibärchen", erklärte ich übers Telefon. Mir ist klar, dass das pädagogisch eine Grauzone ist. Doch Gummibärchen stiften Frieden und verbinden: "Meine Tochter hat jetzt auch Gummibärchen für sich entdeckt", sagte mein Kollege, dessen Kleine ein bisschen älter ist als Jette. Erfolgreich hatte er monatelang verhindert, dass das Kind Süßes bekommt. Bis Freunde das Mädchen auf Gummibärchen-Droge setzten. Sie entwickelt sogar Wut, wenn ihr einer die Dinger vorenthält, erklärte er.
Noch so ein armes Kind, dachte ich. Es erinnerte mich an meine Nichte Lisette und Fabian, den Sohn meiner Freundin Betty. Fabian wird bald zwei und hat vor wenigen Tagen bei mir das erste Gummibärchen seines süßen Lebens gegessen. Fabian war sehr, sehr glücklich. Abends bekam er von mir dann ein Stück Pizza. Wir wurden gute Freunde. "Er kann noch genug Süßes essen", erklärte mir Betty, weshalb sie ihren Sohn bisher fernhielt.
"Still seinen Appetit, dann bleibt ihm der Heißhunger erspart", riet ich ihr, während sie die kleine Gummibärchen-Tüte, die ich Fabian geschenkt hatte, in ihrer Hosentasche verschwinden ließ. Marius (3) beobachtete das entsetzt und gab dem Jungen ein Bärchen aus seiner Tüte.
Sehr wahrscheinlich wird Fabian jetzt eine ähnliche Wut entwickeln können wie die Tochter meines Kollegen. Ich wollte ihn nicht süchtig machen. Ich hatte nur nicht bedacht, dass er das erste Kind meiner Freundin ist. Der Trend unter Erstlings-Eltern geht heute dahin, Kleinkinder auf Diät zu setzen. Zu trinken gibt?s Wasser, zum Naschen Reiswaffeln, Apfelschnitze oder allerhöchstens mal einen Riegel aus Press-Früchten. Das alles ist gesünder als Gummibärchen, denn drei Stück sind so süß wie ein Würfelzucker. Die armen Zähne! Gummibärchen bestehen aus Gelatine, und die wiederum ist aus Tierhaut und Tierknochen gemacht. Widerlich. Trotzdem macht das Gummibärchen seit fast 90 Jahren Karriere.
Ich weiß das deshalb so genau, weil mein Sohn Marius mindestens eineinhalb Jahre auch nur Reiswaffeln knabbern durfte. Damals habe ich alles Schlechte über Süßigkeiten recherchiert, auch über Gummibärchen. Und habe ich schon erwähnt, dass ich nur "Bio" koche?
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