Unter uns
Blog von Manuela Müller - 10.04.2011 - 18:53:13
Wir malen die Nonne
Wir sollten mit unseren Kindern nach Frankreich fahren. Als eine Art Studienreise für Jette. Meine Tochter (19 Monate) spricht nämlich Sächsisch mit französischem Akzent, was zum Beispiel so klingt: Sie sagt nicht "Hallo", wenn sie jemanden grüßt, sondern sie ruft dann mit einem einladenden Lächeln ein lang gezogenes "Alloooo". Und das ruft sie jedem hinterher, dem sie begegnet. Was wiederum nicht sehr französisch ist, aber egal.
Seit Jette sprechen kann, klingt die deutsche Sprache viel schöner in meinen Ohren ? auch wenn Jette keiner außer mir versteht. Vielen Worten verleiht sie eine französische Eleganz. Oma, Opa ? das klingt doch unvollständig, wenn man mal länger darüber nachdenkt. Also sagt Jette "Moma" und "Popa", während sie ihren Bruder Marius (3) als "Mamo" bezeichnet. Die Sonne ist bei ihr eine "Nonne", was wiederum ein Sammelbegriff für sämtliche Himmelskörper ist. Jette sagt, was sie möchte. Ihr ist nach Gummibärchen? Jette ruft "Dette Mummi".
Sie gehört nicht zu den Kleinkindern, die mit dem Reden lieber bis zum zweiten Geburtstag warten. Ihr Cousin war so einer. Er schwieg sehr, sehr lange. Dann wurde ihm klar, dass sein Mund nicht nur zum Essen da ist. Aber Jette ist eben eine kleine Frau.
Seit meine Tochter sechs Zähne hat und ein bisschen sprechen kann, möchte sie mit dem Begriff "Baby" nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Als Mutter fühlt man das. Sie beharrt darauf, nicht mehr im Kinderwagen durch die Gegend geschoben zu werden. Ich vermute, das ist ihr peinlich. Neulich hat sie beschlossen, Auto fahren zu lernen. Bisher war ihr rotes Bobby-Car immer an das ihres Bruders angebunden, sodass sie nur lenken musste. Marius war die Zugmaschine, Jette der erste Anhänger, und hinten hing meistens ein Holz-Kipplaster, auf dem Meerschwein Hugo mitfuhr.
Selbst das ist Jette zu kindisch geworden. Sie setzte sich auf ihr Auto und fuhr lange Zeit nur rückwärts. Ihre kleinen Ausflüge endeten stets an irgendeinem Schrank, den sie nicht sehen konnte. Eines Tages aber rief sie "Auto", schwang sich geschmeidig auf ihr Bobby-Car und drehte wie ein kleiner Gott Runden. Ich habe ihr jetzt auch klar machen können, dass die Dinger im Gesicht keine Fahrzeuge sind: Die Augen nannte sie monatelang ebenfalls Auto. Doch da ging mir Jettes neue Muttersprache zu weit.
Meine göttliche Tochter erklärt sich in jeder Lebenslage. Und so tippelt sie nach dem Abendessen zum Fernseher, dreht sich im Kreis, hebt ihr Stimmchen und piepst "Ma-Mann, Ma-mann". Das heißt, Jette möchte das Sandmann-Lied sehen und dazu tanzen. Danach ist sie zufrieden und erklärt "Dette alle" ? Feierabend für heute: Jette will ins Bett.
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