Leser-Obmann
Blog von Reinhard Oldeweme
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E-Mail: leser-obmann@freiepresse.de 06.06.2011 - 15:04:01
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Mein Problem: Meinen Sie das wirklich ernst?
Nach manchen Gesprächen mit Lesern bin ich völlig verunsichert, weil ich auf eine eigentlich einfache Frage keine Antwort weiß: Meint der Anrufer das wirklich ernst, was er mir da sagt, oder will er sich über mich oder sogar über das Thema lustig machen? Natürlich könnte ich in solchen Momenten mein Problem in Worte fassen: Das meinen Sie jetzt nicht lustig, oder doch? Da allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass das der Anrufer auch schnell in den völlig falschen Hals bekommen kann; nämlich dann, wenn er sich tatsächlich von mir nicht ernst genommen fühlt. Also entgehe ich dieser Zwickmühle und schweige, höre zu und bestätige, dieses Anliegen auf jeden Fall an die richtige Adresse weiter zu geben. Genau wie in diesem Fall heute:
"Schlagen Sie doch bitte mal die Seite Sachsen von heute auf", forderte der Leser mich freundlich auf, nachdem er sich zuvor zweimal hatte bestätigen lassen, tatsächlich mit dem Leser-Obmann verbunden zu sein, bevor er dann auch seinen Namen nannte. Mittlerweile bin ich bei der Suche nach Zeitungsseiten schneller, wenn ich über das E-Paper der "Freien Presse" mir die Seite öffne, als wenn ich die Zeitung zuerst auf meinem Schreibtisch (häufig begraben unter anderen Papieren) finde und dann an der richtigen Stelle aufschlage. (Ich gestehe: Manchmal raschele ich zusätzlich mit Zeitungspapier, wenn ich den Eindruck habe, das könnte eine zusätzliche vertrauensbildende Maßnahme sein; in diesem Fall aber habe ich darauf verzichtet.)
"Es geht mir um das Bild ganz oben und den Text daneben mit der Überschrift 'Uni erforscht Fahrverhalten der Älteren'. Dazu habe ich eine Frage, vielleicht können Sie mir da weiterhelfen", erläuterte der Leser weiter sein Anliegen. Kurz zur Erklärung: An der TU Chemnitz sind bei der Professur Arbeitswissenschaft ein Fahrsimulator und ein entsprechender Simulationsanzug entwickelt worden, mit denen die Forscher ergründen wollen, wie ältere Autofahrer beispielsweise mit Assistenzsystemen umgehen und welche Schwierigkeiten sie damit haben könnten. Das Foto zeigt eine Studentin, die in dem Anzug steckt, scheinbar ein Auto lenkt und auf eine durch den Computer animierte Landschaft schaut; ein bisschen wie Lara Croft, kurz bevor sie den Bösen ordentlich eins auf die Mütze gibt, habe ich gedacht, als ich das Bild auf der Seite gesehen habe. Ich schweife schon wieder ab, sorry.
Der Anrufer war noch dran und stellte mir dann diese Fragen: "Warum gibt man so viel Geld für einen Simulator und diesen High-Tech-Anzug aus, obwohl es doch viel besser wäre, man setzt tatsächlich Senioren in ein echtes Auto, lässt sie eine Weile damit fahren und fragt sie hinterher, wie sie sich beim Fahren gefühlt haben und ob es Probleme gab. Als Lohn für diese Mühen könnte man ihnen auch ein paar Euro in die Hand drücken, dann hätte alle etwas davon."
Das Gespräche endete damit, dass ich dem Leser im Netz die Telefonnummer der Professur Arbeitswissenschaft an der TU Chemnitz heraus gesucht und genannt habe. Damit war er zufrieden, ich aber legte verunsichert den Hörer auf.
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10:44 Uhr
LeserObmann: Ein Mitarbeiter der Professur Arbeitswissenschaft hat mir zu diesem Eintrag folgenden Text geschickt:
Die Frage des Lesers ist durchaus berechtigt. Zur Klärung der Fragestellung möchte ich kurz darauf eingehen:
Zunächst soll die Nutzung und die Notwendigkeit eines Fahrsimulators erklärt werden. Der Fahrsimulator wird vor allem dann eingesetzt, wenn Fahrerassistenzsysteme getestet werden, die entweder nur als Prototypen vorliegen, in Serienautos also noch gar nicht verfügbar sind, oder es um Fahrerassistenzsysteme geht, die die Sicherheit der Fahrzeuginsassen aktiv erhöhen, in dem sie in sicherheitskritischen Situationen eingreifen oder den Fahrer warnen. Im erstgenannten Fall ist eine Untersuchung mit realen Autos nicht möglich. Im zweiten Fall ist eine Durchführung im normalen Straßenverkehr aus zwei Gründen nicht machbar. Zum einen treten sicherheitskritische Situationen relativ selten auf. So wäre eine sehr lange Versuchsdauer notwendig, um den Fahrer die Assistenzfunktion mindestens 1 Mal erleben zu lassen. Zum anderen, und das ist der weitaus wichtigere Punkt, ist es nicht verantwortbar, Personen und auch andere Verkehrsteilnehmer in einem Versuch in derart gefährliche Situationen zu bringen. Unter Umständen können Tests mit solchen Systemen auf abgesperrten Teststrecken durchgeführt werden, wo die gefährliche Situation kontrolliert herbeigeführt wird. Diese Art von Versuchen wird von der Professur Arbeitswissenschaft auch durchgeführt.
Ein weiterer Aspekt, der für einen Fahrsimulator spricht, ist die Reproduzierbarkeit der Versuchsbedingungen, das bedeutet, die simulierte Verkehrsumgebung ist für jede Testperson gleich. Im realen Straßenverkehr werden sie, zum Beispiel an einer Kreuzung, kaum identische Bedingungen herstellen können. Gleiche Bedingungen sind bei wissenschaftlichen Untersuchungen aber dringend notwendig, um die Aussagekraft der Untersuchung nicht durch Störeffekte, z. B. unterschiedliche Verkehrsdichte, zu gefährden.
Wenn es sich um Untersuchungen handelt, bei denen keine erhöhte Unfallgefahr besteht, werden diese durchaus in realen Fahrzeugen und im öffentlichen Straßenverkehr durchgeführt.
An allen Versuchen können natürlich immer auch Senioren teilnehmen. Der Eindruck, dass junge Menschen im Alterssimulationsanzug ?MAX? ältere Menschen bei diesen Versuchen simulieren, täuscht dabei. ?MAX? soll vornehmlich dazu genutzt werden, junge Entwickler für das Thema Altern zu sensibilisieren, indem sie selbst erleben, welche körperlichen Einschränkungen mit dem Alter einhergehen können. In den geplanten Versuchen soll untersucht werden, wie gut ?MAX? tatsächlich diese Einschränkungen simulieren kann. Es geht also um die Überprüfung der Entwicklungen am Altersanzug selbst. Dafür werden sowohl junge Menschen mit, als auch ältere Menschen ohne Altersanzug die gleichen Aufgaben bewältigen. Somit kann überprüft werden, ob junge Menschen im Altersanzug ähnliche oder sogar gleiche Verhaltensweisen und Bewegungsmuster zeigen wie ältere Menschen. In Versuchen zum Thema alterungsbedingter Veränderungen z. B. bei der Bedienung von Autoradio, Klimaanlage oder Navigationsgerät, werden wir auch in Zukunft die Untersuchungen mit älteren Probanden durchführen
Darüber hinaus wurde von dem Leser das Thema Aufwandsentschädigung in Form von Geldzahlungen angesprochen.
?[?] Als Lohn für diese Mühen könnte man ihnen auch ein paar Euro in die Hand drücken, dann hätten alle etwas davon?
Für die Teilnahme an den Versuchen wird in den meisten Fällen eine Aufwandsentschädigung bezahlt, da wir zu schätzen wissen, dass sich Menschen für eine wissenschaftliche Untersuchung 1-2 Stunden, oder sogar noch länger Zeit nehmen. Gerne können sich interessierte Leser, egal welchen Alters, auch selbst ein Bild vom Ablauf einer wissenschaftlichen Untersuchung machen und so einen aktiven Beitrag zur Weiterentwicklung von Produkten und Fahrzeugen leisten. Dazu gibt es die Möglichkeit, sich unverbindlich online als Proband anzumelden: http://www.tu-chemnitz.de/mb/ArbeitsWiss/de/content/probandendatenbank . Sobald neue Untersuchungen anlaufen, laden wir Interessierte aus dieser Datenbank zu unseren Versuchen ein.