Leser-Obmann
Blog von Reinhard Oldeweme
Telefon: 0371 656-65666 (10 bis 12 Uhr), Telefax: 0371 656-17041
E-Mail: leser-obmann@freiepresse.de 26.07.2011 - 14:32:11
E-Mail: leser-obmann@freiepresse.de
Wie im Leben: Es gibt immer eine andere Seite
Häufig rufen mich Leser an, weil sie eine Seite von mir wollen (nicht persönlich natürlich, keine meiner Charaktereigenschaften, das wäre dann doch ...); den Anrufern geht es um eine Zeitungsseite, die sie entweder nicht mehr zur Verfügung haben (beliebt es das Wort "Altpapier" in der Begründung für diesen Missstand) oder die sie aus den unterschiedlichsten Gründen gar nicht erst erhalten haben; beispielsweise weil sie diese Ausgabe der "Freien Presse" ausnahmsweise mal gerade nicht am Kiosk gekauft haben oder weil der Großvater (geteiltes Abo) sie dort liegen gelassen hat, wo die Zeitung dann doch unwiederbringlich in ihrer materiellen Konsistenz gelitten hat.
Für mich ist die Lösung dieses Problems stets einfach, weil die Anrufer fast immer über eine E-Mail-Adresse verfügen: "Ich schicke Ihnen die Seite als pdf-Datei zu, dann ist sie in ein paar Minuten bei Ihnen", sage ich und mache die Leser damit ein kleines Stück weit glücklicher. Und weil ich dazu neige, mir solche Anrufe zu merken und in meine persönliche Statistik aufzunehmen, kann ich jetzt sagen: Die Seite, die ich am häufigsten verschicke, ist die mit ...
Halt, bevor ich das verrate, will ich noch von diesem heutigen Gespräch am Telefon erzählen. Denn es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich pdf-Dateien verschicke. "In meiner Ausgabe heute fehlte eine Seite", sagte die Frau am Telefon. In diesem Fall habe ich den freundlichen Tonfall so gedeutet, dass ich meinen Scherz mal wieder wagen konnte (nicht immer ist er nämlich bei ähnlichen Anrufen als solcher verstanden worden). Also erwiderte ich: "Das kann nicht sein, es müssen mindestens zwei sein, wenn nicht sogar vier." Die Anruferin schwieg - ich befürchtete schon Schlimmes - dann aber lachte Sie und sagte: "Natürlich, es gibt ja immer eine Rückseite, aber wieso vier?" Auch das habe ich ihr erklärt: "Ein einzelnes loses Blatt ist nur dann in der Zeitung, wenn die Seitenzahl des Teiles nicht durch vier teilbar ist." Wieder schweigen: "Muss ich das jetzt verstehen?", war die Antwort als Frage formuliert. Ich habe es ihr noch erklärt, aber das führt jetzt hier zu weit. (Zeitungsmacher nennen die einzelnen Teile übrigens "Bücher".)
Die Anruferin hatte Recht mit ihrer Beschwerde: "Es kommt höchst selten mal vor, dass in einer Ausgabe mal ein Buch fehlt", habe ich erklärt und versucht, den Sachverhalt verständlich zu erklären: "Wenn die Zeitung gedruckt ist und weiter verarbeitet wird, damit aus allen Büchern eine komplette Zeitung wird, kann es passieren, dass die Maschine (salopp formuliert) mal daneben greift und den Teil nicht in die Zeitung steckt. Das wird zwar maschinell kontrolliert, außerdem haben noch die Kollegen im Druckzentrum ein wachsames Auge darauf, aber gelegentlich rutscht so eine unvollständige Zeitung durch und wird zugestellt." Die Anruferin hatte dafür viel Verständnis, und mir sogar noch versichert, dass sie sich das alles beim nächsten Tag der offenen Tür im Druckzentrum auch mal persönlich anschauen möchte.
Dies ist tatsächlich so: Es war immer das gleiche Buch, das fehlte, wenn mich Leser deswegen angerufen haben. Und jetzt (endlich) schließt sich der Kreis: Denn es ist genau das Buch, in dem die Seite ist, die ich ohnehin am meisten als pdf-Datei an Leser verschicke. Am liebsten würde ich jetzt ein Quiz daraus machen: Die Seite mit dem Wetter? Die Seite mit den Börsennachrichten? Die Seite mit den Fußballergebnissen? Die Seite mit den Veranstaltungstipps? Alles falsch, des Rätsels Lösung: Es ist die Seite mit dem Fortsetzungsroman.
| vorhergehender Eintrag | weitere Einträge | folgender Eintrag |