Leser-Obmann
Blog von Reinhard Oldeweme
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E-Mail: leser-obmann@freiepresse.de 01.09.2011 - 12:20:22
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Von Geistheilern und langen Zungen
Am Anfang habe ich mich dagegen gewehrt, mittlerweile aber bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass ich es einfach akzeptieren muss: Wenn ich morgens die Zeitung lese, denke ich (irgendwie automatisch) darüber nach, weswegen mich heute die Leser anrufen könnten. Am Anfang habe ich mir den Spaß gegönnt und Wetten mir selbst abgeschlossen, nur um dann später ein Alibi für den Griff zur Schokolade zu haben; aber das mache ich auch nicht mehr, weil es einfach zu oft war und ich mich häufig mittags nicht mehr erinnern konnte, um was ich alles gewettet hatte. Heute aber kann ich mich ganz genau erinnern, was mir in der Früh so an Gedanken zur Ausgabe der "Freien Presse" von heute gekommen ist:
Erster Gedanke: Beim Betrachten der Titelseite habe ich das Datum bewusst wahrgenommen (eher die Ausnahme) und mir gesagt, dass ich auf keinen Fall vergessen darf, die neue Monatskarte für die Bahn mitzunehmen. Dabei fiel mir ein: Es werden bestimmt mindestens drei Leser anrufen, weil aus Anlass dieses für Deutschland wichtigen Datums wieder mal nichts in der Zeitung steht (es gibt mehrere solcher "bedeutenden" Tage).
Zweiter Gedanke: Als ich das Titelfoto sah, war ich mir sicher, dass erstens ganz bestimmt dieser eine Leser sich melden wird, der mir immer bei Berichten über Dirk Nowitzki mitteilt, dass dieser Basketballspieler völlig überbewertet wird, und dass zweitens mindestens ein Anrufer sich beschweren wird, weil der Superstar auf dem Bild seine Zunge rausstreckt und irgendwie komisch guckt.
Dritter Gedanke: Dieser war eine Frage: Was regt die Leser mehr auf - der Preisanstieg bei den Energiesparlampen oder der Geistheiler auf der Seite Ratgeber? (Mein Tipp: der Alternativmediziner)
Vierter Gedanke: Auch hier eine Frage: Wie viele Kollegen und Freunde werden sich bis Mittag bei mir melden, weil sie sich das Buch "Der Fall Collini" von Ferdinand von Schirach ausleihen wollen, nachdem ich heute auf der Seite Kultur darüber eine Rezension geschrieben habe?
Die Auflösung:
Erstens: Ich habe mich geirrt, denn es waren nur zwei Leser, die mich angerufen haben, weil sie enttäuscht sind, dass "Freie Presse" nichts zum Jahrestag des Kriegsbeginns am 1. September 1939 geschrieben hat; ein Anrufer fand das ungerecht, nachdem so viel über den 50. Jahrestag des Mauerbaus in der Zeitung stand.
Zweitens: Völlig daneben, denn dieser eine Leser, der meint, dass Dirk Nowitzki auch das unlängst vom Bundespräsidenten verliehene Silberne Lorbeerblatt zu Unrecht erhalten hat, hat sich bis 12 Uhr nicht gemeldet, und den Gesichtsausdruck des Superstars dürften die Leser ausnahmslos als konzentrierte Kraftanstrengung gedeutet haben.
Drittens: Hier war das Ergebnis mit 4:2 recht eindeutig, ich lag falsch; die teuren Energiesparlampen regen die Leser mehr auf als der Geistheiler.
Viertens: Vier Mal (bis jetzt) werde ich dieses spannende Buch in nächster Zeit verleihen. (Das ist aber kein Rekord, weil es bei "Letzte Nacht in Twisted River" von John Irving fünf Vorbestellungen gab.)
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