Sieben Tage ohne...
Blog von Nicole Jähn - 09.09.2011 - 12:25:08
Abendbrot
Der deutsche Mittagstisch ist heilig. An diesen Zuständen hat sich schon der Österreicher Thomas Bernhard abgearbeitet. Na Prost Mahlzeit. Doch noch weit heiliger im Verständnis der bürgerlichen Kleinfamilie als Gemeinschaft ist das Abendbrot. Es ist ein Ritual, bei dem man den Tag am runden Tisch Revue passieren lässt, im Gleichklang kaut und das Brot teilt. Harmonischer läuft Familienleben nur zu Weihnachten ab. Jedenfalls im erträumten Märchenland.
Die Realität sieht meist anders aus. Während viele hungrige Männer einen Snack am liebsten stehend einsaugen, verkrümeln sich pubertierende Jugendliche mit irgendetwas unter einem Ketchup-See vor den Fernseher. Das Ketchup habe ich weggelassen, aber diese Essens-Unart durchlebte auch ich. Wahrscheinlich gehört es zum Abnabelungsprozess, dass man auch und besonders vom Familientisch aufsteht. Zehn Jahre später mag ich diese Tradition wieder. Nur wohne ich jetzt mit einem hungrigen Mann zusammen. Als Single isst Mann anders. Frau natürlich auch. Es dauert eine Zeit, bis beide an einem Tisch sitzen. Wohl im übertragenen wie im eigentlichen Sinne. Inzwischen schätzen wir beide den abendlichen Austausch, ob am eigenen oder an fremden Tischen bei Freunden oder in einer Kneipe.
Das Abendbrot ist also eines der wichtigsten Mahlzeiten geworden, gleich nach dem Samstagsfrühstück. Vor allem, wenn an stressigen Tagen das Mittagessen ausfallen muss oder nur schnell eine Kleinigkeit am Schreibtisch eingeatmet wird. In der nächsten Woche sollte ich diese Unart möglichst vermeiden, sonst stehe ich abends dumm und vor allem hungrig da. Denn Dinner-Cancelling ist angesagt. Das Abendbrot ist also gestrichen. Diäten führen in der Regel ja nur zu Hunger und Jojo-Effekt. Deshalb halte ich davon wenig. Aber viele schwören ja auf die Verzichts-Methode.
Vielleicht kann es gar nicht schaden, das abendliche Ritual wegfallen zu lassen. Denn als Volontärin bei einer Tageszeitung wechselt man während der Ausbildung sehr oft die Stationen. Drei Wochen in der Lokalredaktion in Glauchau enden heute. Und das heißt: die x-te Kuchenrunde steht an. Auch Urlaubs- oder Geburtstagskuchen-Runden sind in vielen Redaktionen weit verbreitet. Büro-Rituale, die man wohl kaum ausfallen lassen kann. Selbst wenn bei sitzender Tätigkeit eine Salat-Runde sicher vernünftiger wäre, aber wer will das hören. Eigentlich eine witzige Vorstellung, wie jeder an seiner gesponserten Karotte knabbert. Naja. Es geht auch anders und noch unvernünftiger, würde der Ernährungsexperte sagen: Ich tausche einfach Kuchen gegen Abendbrot. Tja. Man muss Prioritäten setzen.
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