Unter uns
Blog von Manuela Müller - 04.10.2011 - 15:00:06
Mein brutaler Hausarzt
Es gibt Ärzte, bei denen macht man nichts verkehrt, wenn man ein bisschen Angst hat. Kaum sitzt man auf ihrer Pritsche, beginnt das Unheil. Man wird mit spitzen Nadeln gestochen oder bekommt im Mund herumgebohrt.
Manchmal sehen die Leute so nett aus, dass man glaubt, sie würden in ihrer Freizeit wandernden Kröten über die Straße helfen. Und kaum hat man das zu Ende gedacht, bohren sie dir eine Nadel in den Arm und zapfen Blut. Natürlich ist mir klar, dass Gesundwerden nicht immer schmerzfrei ist. Ich finde es nur ungünstig, wenn man gesund ist und von seinem Hausarzt trotzdem bedoktert wird. Meine Tochter ist nämlich so ein Fall. Jette (2) streichelt in ihrer Freizeit gerne Kröten. Aber wenn sie ihr Stethoskop umhängt und zu Zombi-Doktor-Jette mutiert, bekomme ich Angst.
Das begann, als sie den Arzt-Koffer meines Sohnes entdeckte. Eine Zeit lang bearbeitete sie ihren Nasenbären Gisbert und ihre Stoffpuppe Dolly. Dann beschloss sie, sich an einem Menschen zu versuchen. Ich opferte mich. Kann ja nicht so schlimm sein bei Plastik-Pinzetten und einer 85 Zentimeter großen Puppen-Ärztin. Ich legte mich auf den Fußboden, und Jette rammte mir eine Plastik-Spritze in den Bauch. Sie rammte und rammte. "Brauchst du einen Hammer?" fragte Marius (3). "Ja", antwortete Doktor Frankenstein Junior.
Marius holte seinen Werkzeugkoffer und reichte seiner Schwester vorsichtshalber auch noch Akkuschrauber, Bohrmaschine und Kettensäge. Jette probierte alles an mir aus. Ich winselte um Gnade. "Du hast es gleich geschafft", beruhigte mich Marius. Doch Jette befahl mir, noch liegen zu bleiben. Sie sägte an meinen Armen herum und gab mir mindestens 50 Spritzen. Ich weiß, sie meinte es gut. Am Ende bekam ich ein Gummibärchen.
Danach hatte Doktor Marius Sprechstunde. Weil er mir keine weitere Untersuchung zumuten wollte, nahm er sich Jette vor. Ich sorgte mich um das Wohl meiner Tochter ? Marius ist ein Raubein. Doch er untersuchte seine Schwester sanft und streichelte ihr zwischendurch sogar den Kopf. Und obwohl sich Jette mit Geschrei gegen Arztbesuche wehrt, ließ sie alles über sich ergehen. Jette leidet an einer Arzt-Phobie, und ich ahne warum: Befürchtet sie, irgendwann auf einen Doktor zu treffen, der an ihr so rücksichtslos experimentiert wie sie selbst an ihrer Mutter?
Es ist jetzt spät abends, und ich beende gerade meinen Kontrollgang durch die Kinderzimmer. Ich hüpfe auf einem Bein von Jettes Bettchen auf den Flur, einen stummen Schrei auf den Lippen.
Selbst im Schlaf muss man vor Doktor Jettes Untersuchungen Angst haben. Ich bin auf die rote Plastik-Spitze getreten, die in ihrem Zimmer herumlag.
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