Unter uns
Blog von Manuela Müller - 06.11.2011 - 20:53:22
Grimms Märchen
Mein Sohn ist jetzt genau vier Jahre alt. Zeit, sich den Tatsachen zu stellen. Ich befürchte, er wird später Journalist. Wird mich in zehn Jahren betteln, ein Praktikum bei der Zeitung machen zu dürfen und bestenfalls nach seinem fünften Bericht über Rassekaninchen-Ausstellungen von seinem Berufswunsch Abstand nehmen und eine Beamtenlaufbahn anstreben.
Für meine Theorie gibt es Indizien. Erstens: Er hat mindestens ein halbes Jahr lang hartnäckig die Frage recherchiert, wie Wasser in den Wasserhahn kommt und Kläranlagen funktionieren. Halbwissen ließ er nicht gelten. Er forderte lückenlose Aufklärung - so lange, bis er alles darüber wusste.
Zweitens: Er entdeckt Ungereimtheiten in den Märchen der Brüder Grimm. Opa Roland meinte es gut und schenkte Marius eine "Frau Holle"-Originalfassung. Da springt das Mädchen, das später zur Goldmarie wird, in einen Brunnen und landet bei Frau Holles Haus. Wenn sie dort die Betten aufschüttelt, schneit es auf der Erde. Sehr unlogisch, findet Marius. "Wie kann Schnee vom Himmel fallen, wenn das Mädchen unter der Erde Kopfkissen schüttelt?" fragt er immer, wenn Marie in den Brunnen springt. Meine Antwort: "Solche Sachen gibt es nur in Märchen." Er: "Warum?" Ich habe versucht, ihn mit anderen Büchern abzulenken, doch er lässt nicht locker. Inzwischen habe ich Angst vor Frau Holle.
Drittens: Im Kindergarten sagte seine Erzieherin, dass Marius von allen Kindern seiner Gruppe die Frage "Warum?" am häufigsten benutzt.
Diese Tatsachen lassen die Vermutung zu, dass er später in die Medienbranche geht. Jetzt beginnt mein Sohn, sich Geschichten auszudenken. Zum Beispiel die der toten Maus. Sie handelt von einer Maus, die mausetot auf dem Fußweg vor unserem Haus lag. Marius sah sie und erklärte mir, die Maus hatte Zahnschmerzen. Und weil sie Zahnschmerzen hatte, konnte sie nicht so schnell zum Zahnarzt laufen. Als sie dann vor seiner Praxis stand, war die schon zugeschlossen. Da kam die Katze, fing die Maus und legte sie auf unseren Fußweg.
Mein Sohn fragt ständig warum und hat eine lebhafte Fantasie - heißt das, er wird Boulevard-Journalist? Ich beschließe, für die nächsten Jahre nicht weiter über das Thema nachzudenken. Immerhin hat er noch knapp drei Jahre Kindergarten vor sich, und in dem Alter sollte man sich wirklich noch nicht festlegen lassen.
Marius sollte sich jetzt in das Freunde-Buch eines anderen Kindes eintragen. Das sind Büchlein, in denen zu jedem Kind ein Steckbrief ausgefüllt wird. Eine Frage lautete: "Was willst du später werden?" Ich musste nicht lange überlegen, was ich im Auftrag meines Sohnes dort antworte - "glücklich".
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