Unter uns
Blog von Manuela Müller - 30.04.2012 - 13:26:04
Die kleine Welt
Wenn Herr W. mit seinem Kombi an mir vorbeifährt und ich ihm zuwinke, frage ich mich jetzt immer, ob er schon mal jemanden ins Gefängnis gesperrt hat. Herr W. ist mein Nachbar, und er ist Polizist. Aber es ist ja nicht so, dass jeder Polizist böse Menschen jagt, die ins Gefängnis gehören. Über Herrn W. weiß ich bisher nur, dass er keine kleinen Kinder einsperrt. Ich weiß das von meinem Sohn.
Jemandem mit einer Haftstrafe zu drohen, ist in unserer Familie immer noch ein großes Thema. In den Kreisen, in denen sich meine Kinder bewegen, weiß man nichts von Richtern und Staatsanwälten und Gesetzen. Es gibt nur die Polizei und die Feuerwehr. Die Feuerwehr löscht Brände, und die Polizei holt böse Menschen mit der Grünen Minna ab. Schimpfen, Hände fesseln und wegschließen. So einfach ist die Welt, wenn man vier ist.
Durch den Garten rannte eine Herde Kinder, als Herr W. ins Spiel kam: Ein Mädchen zog Julius, dem Kumpel meines Sohnes, die Mütze vom Kopf. Julius war entsetzt. "Du musst mal mit ihr schimpfen", sagte er zu mir. "Du sollst nicht immer petzen", sagte Opa Karl, der danebenstand und der Opa von Julius ist. Ich war also raus. Doch da mischte sich mein Sohn ein: "Komm, wir schaffen die ins Gefängnis", sagte Marius (4) zu Julius. Und weil Julius schon fünf ist und das System allmählich durchblickt, hatte er die Idee, bei Herrn W. zu klingeln. Herr W., unser Polizist, sollte das Mädchen mitnehmen.
Die Jungen zogen also los und liefen vor seiner Haustür auf und ab. "Ich klingel nicht", sagte Marius. "Ich auch nicht, sonst sperrt er uns ein", sagte Julius und erklärte meinem Sohn, dass es im Gefängnis nichts zu essen gibt. Und Marius antwortete, da müssen sie eben Gummibärchen mitnehmen - "Mama, gibst du uns Gummibärchen?"
Eine Weile drückten sie sich vor Herrn W´s Tür herum, dann baten sie mich um Hilfe. Was soll´s, ich gab ihnen Rückendeckung.
Herr W. sah nicht aus wie ein Polizist, als er an die Tür kam. Er sah aus, als komme er gerade vom Fußballplatz. Rotes T-Shirt, Sporthose. Die Jungs stutzten. "Soll ich die Uniform anziehen?" fragte er vorsichtig. Uns genügte die Dienstmarke.
Julius erklärte die Sache mit dem Mädchen und seiner Mütze: "Ich weiß jetzt gar nicht mehr, wie rum ich meine Mütze aufsetzen muss!" Für Mütze wegnehmen kommt man nicht ins Gefängnis, sagte Herr W. und empfahl, sich mit dem Mädchen auszusöhnen. Sie wurden still, die Jungs, sagten höflich "auf Wiedersehen" und rannten Herr W.s Katze hinterher, die aus der Tür gehuscht war.
"Du hast vergessen, ihm zu sagen, dass die Jette dich gezwickt hat", sagte Julius später zu meinem Sohn. "Oh ja." Die Jungs kehrten um.
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