Unter uns
Blog von Manuela Müller - 20.05.2012 - 18:17:57
Wo is de Olly?
Dolly ist eine Stoffpuppe. Sie ist hässlich, aber weich. Ein plattgedrückter Körper, Haare aus orangefarbener, verfilzter Wolle. Dolly trägt ein rotes Kleidchen, das manchmal verschwunden ist, was die Puppe noch komischer aussehen lässt. Dass Dolly so heißt wie das geklonte Schaf, ist Zufall.
Nun haben zweijährige Kinder den angenehmen Charakterzug, dass sie nicht nach Äußerlichkeiten urteilen. Deshalb ist Dolly die Lieblingspuppe meiner kleinen Tochter. Jette + Dolly = Freundschaft. Wenn Jette müde ist, holt sie sich Dolly aus ihrem Bett und schleppt sie herum.
Dann kam der Tag, an dem Dolly verschwand. "Wo is de Olly?" fragte mich Jette. Sie stand vor ihrem Bettchen und suchte. "Ich kann dich nicht verstehen. Nimm bitte den Schnuller aus dem Mund", sagte ich. "Dolly ist weg", wimmerte Jette, die ihren Schnuller jetzt in der Hand hielt. Ich schwitzte. Jette hatte noch keine Nacht ohne Dolly verbracht.
Seit Jahren hatte ich Angst vor dem Tag, an dem sie verschwinden würde. Im Grunde hatte ich diese Angst schon, als Dollys Stoff-Einzelteile noch in der Dolly-Werkstatt lagen. Als mein Sohn Marius (4) seinen Wombel zu lieben begann, diesen Hasen im apfelgrünen Anzug, spürte ich zum ersten Mal die Sorge davor, dass so ein Lieblings-Kuscheltier untertauchen könnte. Wegen Wombel hätten wir einmal fast unseren Mallorca-Flieger verpasst, weil wir auf dem Weg zum Flughafen feststellten, dass wir Wombel vergessen hatten. Also fuhren wir zurück.
Und dann war Dolly weg. Dolly, die der große Bruder seiner kleinen Schwester zur Geburt geschenkt hatte. Eigentlich war Dolly ein Geschenk von Oma Gis und Opa Siggi. Doch sie fanden den Gedanken schöner, dass Marius sie dem drei Stunden alten Baby überreicht.
Ich rief Oma Gis an. Womöglich war sie schuld, denn sie hatte die Kinder abgeholt. "Hast du Dolly aus dem Kindergarten mitgebracht?" Meine Frage klang ein bisschen hysterisch. "In Jettes Fach lag keine Dolly", sagte Oma Gis. Ich erklärte meiner Tochter, dass ihre Puppe heute im Kindergarten schläft. "Dolly", wimmerte Jette. Ich gab ihr den selbst gehäkelten Stoffbären ohne Augen, für den sie wegen seiner Behinderung hohe Sympathien entwickelt hat. Doch Jette weinte. In meiner Not kam mir die Idee, ihr Wärmekissen-Kuschelschaf aufzuheizen. Eigentlich ist das Schaf ein Schwein, doch Jette nennt es Schaf. Es funktionierte, sie schlief ein.
Am nächsten Abend war Dolly wieder weg. "Wo ist sie?", fragte ich meinen Mann, denn diesmal hatte er die Kinder abgeholt. Er: "Vorhin war sie noch da." Jette wimmerte so sehr, dass auch wir feuchte Augen bekamen. War Dolly jetzt endgültig weg? Wir rekonstruierten den Nachmittag. Und fanden Dolly im Puppenküchen-Backofen.
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