Singsing in Baku

Blog von Sara Thiel und Jens Korch - 25.05.2012 - 18:53:01


Das Wunder von Baku und ein georgischer Koch

Die Eurovisions-Familie hat halb Baku eingenommen. Wo auch immer wir in der Stadt unterwegs sind, treffen wir Fans und Gäste des Song-Contests. Deutsch und englisch wird gesprochen, oft gekauderwelscht. Worum es da geht? Immer zuerst das: Wer gewinnt am Samstag? Wie findet ihr den Beitrag von Land X? Was sagt ihr dazu, dass Land Y rausgeflogen ist? Schnell entzünden sich heftige Debatten. Am Ende sind sich alle aber einig: Der Spaß steht im Vordergrund. Und mal schauen, wo wir alle kommendes Jahr hinfliegen.

Teil zwei der stets putzigen Runden ist Baku mit seinen Eigenheiten. Andy zum Beispiel, den wir im Flieger kennen gelernt haben, lief uns heute in der Stadt wieder über den Weg. Er hat das Hotel gewechselt, wohnt jetzt wie wir etwas außerhalb des Zentrums im Miracle Hotel. Warum das so heißt, weiß er auch: Er war ein Wunder, dass das riesige Gebäude innerhalb von drei Monaten aus dem Nichts entstanden ist. Gebaut einzig für den Song-Contest. Danach wird es wohl als Wohnanlage genutzt. Miraclehaft sind ferner die Preise, die von den Gästen verlangt werden - jeder muss scheinbar einen anderen Preis zahlen, ein erkennbares System gibt es nicht. Und: Ein Miracle ist auch, dass die Taxifahrer den Weg dahin finden - denn da das Haus so neu ist, scheint es niemand zu kennen. Der Busfahrer ist gestern Nacht einen seltsamen Umweg gefahren - anderthalb Stunden lang durch finstere Vororte und über Straßen, die diesen Namen nicht verdienen. Nicht überall funkelt es so Las-Vegas-gleich wie in der Innenstadt. Die Delegation von Moldawien (samt Sänger Pasha, der ins Finale gekommen ist) wohnt übrigens auch im Miracle. Auf ein Wunder hoffen sie ebenso: nämlich zu gewinnen. Die Chancen stehen nicht sonderlich gut: Die Buchmacher sehen Loreen aus Schweden weit vorn.

Apropos Funkeln: Auf einem Hang direkt über der Stadt stehen drei riesige Fackeln - eigentlich sind es Bürotürme. Nachts ist die gesamte Fassade der Flame Towers beleuchtet wie eine überdimensionale Videoleinwand. Ein Miracle war es, dass sie dort oben errichtet worden sind. Offenbar aber hat jemand gepfuscht. Weil der Grund so locker ist, muss einer der Türme wieder abgerissen werden. Nach dem Grand Prix allerdings erst, wenn die Öffentlichkeit Baku wieder aus dem Visier verliert.

Übrigens: Wer auch immer behauptet hat, das aserbaidschanische Nationalgericht ist Plow - der kennt ein anderes Land als das, das wir gerade entdecken. Viel haben wir schon gesehen: farbwechselnde Veranstaltungshallen, Fontänen mitten im Meer, dekorativ brennende Häuser. Aber kein Restaurant, dessen Koch in der Lage ist, einen Topf Reis mit Fleisch und Gewürzen zu kochen. Pizza gibt es. In allen Variationen. Pasta auch. Zur Not sogar Kebab, also gegrilltes Fleisch. Aber keinen Plow. Auf der Suche nach einem Mittagsfrühstück hat uns heute in die engeren Gassen der Großstadt geführt. Dorthin, wo selten ein Tourist hinkommt. Wo dich niemand schreien hört. Vermutlich. Trotzdem stiegen wir ins Souterrain einer Spelunke in einer staubigen, von Autoabgasen vernebelten Gasse. Ein alter Mann im schwarzen Anzug starrte uns entsetzt an. Ein jüngerer, rundlicherer hinderte ihn daran, uns aus dem Keller zu ... ähm ... komplimentieren. Er sprach zwei Worte deutsch: Angela und Merkel. Dafür kein Englisch, aber Russisch. Wir konzentrierten uns. "U was jest Plow", brachten wir stolz heraus. Wir ernteten zwar kein klares "Njet", aber dennoch erklärte uns der Chef im schwarzen Anzug, dass wir etwas anderes essen sollten. Er sagte das sehr bestimmt, und wir nickten freundlich. Dann standen auf dem Tisch sechs dampfende Teigtaschen, Titanen-Pelmeni nicht unähnlich, gefüllt mit Fleisch und frischen Kräutern. Xingali nennen sich die Ungetüme. Unser neuer rundlicher Freund schüttete noch einen Monatsvorrat Pfeffer drüber. Lecker. Dann verfügte er, dass wir noch Salyanka bekommen. Wir nickten erneut. Georgische Soljanka, sprach der Chef, schließlich ist der Koch aus Georgien. Uns erreichten zwei Keramikschüsseln, in denen es noch brodelte. Dazu gab es Brot und Gabeln. Jens wollte lieber einen Ljoschka haben, aber Sara hat eine natürliche Intuition für fast alles Essbare. Die pickt die Fleischstücke mit der Gabel heraus und sammelt die Brühe mit dem Brot auf. Die Sauce aus Tomaten, Essig, frischen Kräutern und Zwiebeln entschädigt für sämtliche Unannehmlichkeiten, die wir tags zuvor hatten, als wir stundenlang durch die Stadt liefen, um unsere Karten-Gutscheine in echte Eintrittskarten umzutauschen. Den Rest erledigte das Bier. Verflogen jeder Gedanke an Plow. Wir sind satt. Und zufrieden.


vorhergehender Eintrag weitere Einträge folgender Eintrag
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)
Das könnte Sie auch interessieren
 

 
 
 
Ärztliche Notdienste

Apotheken und Ärzte der Region

Manchmal muss es schnell gehen. Notrufe und Notdienste der Apotheken und Ärzte von Annaberg bis Zwickau finden Sie hier.

weiter lesen
 
Die Blaue Börse jetzt neu!

Schalten Sie Ihre Anzeige noch auffälliger - mit Farbfoto oder mit größerer Überschrift! Ihre Anzeige erscheint mittwochs in der Freien Presse und gratis dazu 7 Tage im Internet.

► Zeitungsanzeige inserieren
► Online Only Anzeige inserieren