Singsing in Baku
Blog von Sara Thiel und Jens Korch - 27.05.2012 - 11:15:01
Taxi, bitte! Auf nach Stockholm
Der Morgen danach: Müde, aber entspannt blicken wir auf die Song-Contest-Nacht in Baku zurück. Und wir haben nichts zu bereuen.
Sara: Guten Morgen, Kollege. Guckst du so verknittert, weil dir fünf Stunden Schlaf nicht reichen? Oder hat sich ein hohes C der haarigen Albanerin in deinem Gehörgang verschanzt? Haarr, haarr.
Jens: Ich hatte kurzzeitig Sorgen, ob ich wohl von ihrer behaarten Brust träumen würde. War aber dann nicht so. Dafür geht mir immer noch ?Be my guest? durch den Kopf, eindeutig ein Ohrwurm. Hat das Lied denn gewonnen?
Sara: Gaitana ist 15. geworden mit 65 Punkten. Die könnten aber auch ein Technikfehler gewesen sein. Bei ihrem Geschrei kann ich mir das gut vorstellen. Sie hatte damit ebenso viele Punkte wie das zypriotische Popogewackel. Und das bekam wiederum nur einen Punkt mehr als der Ganzkörperschüttelsong aus Griechenland. Wenn die ihre Mädels zusammen auf die Bühne geschickt hätten, wären sie mit 129 Punkten auf Rang 6 gelandet. Da hätten sich wahrscheinlich vor allem die Männer aufrecht gefreut. Übrigens stand ich während der Punktevergabe neben einer Handvoll Teenagerinnen aus Baku. Die haben jeden einzelnen Punkt für unser aller Roman spitz bejubelt.
Jens: Neben mir saßen Aserbaidschaner, die mit Roman nichts bis gar nichts anfangen konnten. Und überhaupt eher einen Pflichtbesuch beim Song-Contest absolviert zu haben scheinen. Vielleicht hatten sie ihre Tickets irgendwo gewonnen und hätten lieber nen Krimi angekuckt. Wäre zumindest spannender gewesen als die letzten Länderpunktevergaben, als schon alles klar war. Ich hab immer auf die hinteren Ränge geschielt: Bleibt Engelbert nun Letzter? Kriegt er echt nur einen Punkt? Mal ehrlich: Soooo schlimm war das Lied ja gar nicht. Immerhin ist Engelbert noch von Norwegen unterrundet wurden, übrigens einem meiner Tops. Da stand ich scheinbar allein auf weiter Flur.
Sara: Vielleicht haben die Zuschauer ja auch Norwegen und die Türkei einfach verwechselt. Mal ehrlich: So viel Einzigartiges bekam das Publikum in diesem Jahr ja nicht zu sehen. Kein Wunder, dass das schwedische Kurzdrama mit Gefuchtel (ich geb?s zu, nach dem fünften Hören fand ich das Lied auch in Ordnung) und die Omas auf Keks ganz vorn gelandet sind. Was die Leute allerdings an der zwar soliden, aber austauschbaren serbischen Ballade fanden, bleibt mir ein Rätsel. Der Auftritt von ?eljko Joksimovi? war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich gesessen habe. Das sagt ja wohl alles.
Jens: Von deinen Tanzeinlagen in den Gängen der Crystall Hall wird Baku sicherlich noch eine Weile reden. Legendär! Immerhin warst du sicherlich eine der wenigen Besucherinnen, die eigene Fans hatte. Willst du nicht nächstes Jahr auch antreten? Vielleicht mit einem Ralph-Siegel-Lied für ein Land wie Luxemburg? Meine Stimme hättest du.
Sara: Nur, wenn ich die drei Jungs mitnehmen darf, die mich da flankiert haben. Die waren genau so niedlich wie unser nettester Roman, aber viel lustiger. So funktioniert eben Völkerverständigung, das war ganz kurz vorm Weltfrieden.
Jens: Dazu eine Gitarre und Wuschelhaar - und Nicole wäre begeistert. Der übernächste Song Contest würde in Deutschland stattfinden, da bin ich mir sicher.
Sara: Andererseits: So, wie du dreieinhalb Stunden lang mehr oder minder distinguiert auf deinem Platz gesessen hast: Noch ne Gitarre und Rüschenbluse - und Nicole wäre begeistert. Vielleicht treten wir 2013 zusammen auf und repräsentieren die Gegensätzlichkeit allen Scheins. Oder so. Üb du schon mal niedlich gucken, ich übernehme den Part mit dem Popogewackel. Und vielleicht können wir den Lindenauer Landfrauenverein gewinnen, ein folkloristisches Element beizusteuern. Am Ende haben wir gestern doch kaum was anderes gesehen und gehört als jeweils etwas aus diesen Töpfen. Ausnahmen waren Ungarn und Dänemark, die sich in Engelberts Nachbarschaft niedergelassen haben. Selbst für die abgespaceten Zwillinge von Jedward hat es nicht gereicht, dabei lief?s bei denen ja wirklich ganz flüssig. Aber feucht ist eben nicht alles. Offenbar können die Zuschauer nur ein gewisses Maß an Exotik honorieren.
Jens: Na jedenfalls ist die Eurovisions-Woche nun leider schon rum. Ich werde gleich mal den Koffer für Stockholm packen. Was passiert jetzt eigentlich mit den ganzen bunt für den Song-Contest beklebten Taxis in Baku? Und mit den Millionen Fähnchen? Und überhaupt der ganzen Deko in der Stadt?
Sara: Die Taxis fahren jetzt gen Schweden. Derweil werden die Fahrer umgelernt von kenn-mich-hier-nicht-aus auf finde-auch-dort-nichts. Die Fähnchen werden zusammengestückelt für einen neuen Rekordversuch. Du hast ja noch die 35-mal-70-Meter-Flagge Aserbaidschans am 162 Meter hohen Mast noch vor Augen. Jetzt wollen sie sich selbst übertreffen. Die Deko bleibt. Die überstrahlt all das, was im Dunkeln bleiben soll. Entweder das, oder die LED-Industrie hat einen Fünf-Jahres-Vertrag mit Aserbaidschan abgeschlossen. Irgendwie muss es sich ja erklären lassen, dass die ganze Stadt inklusive jedes einzelnen Hochhauses leuchtet wie Las Vegas bei Feuerwerk. Lass uns essen gehen. Das beruhigt die Nerven.
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