Unter uns
Blog von Manuela Müller - 03.06.2012 - 18:36:53
Türme aus Bananen
Frühstück. Jette (2) baut Türmchen aus ihren Bananenscheiben, zieht den Leberkäse von ihrem Brot, stopft ihn in den Mund und legt ihre Schnitte neben den Teller: "Will ich nicht. Ist eklig."
Sie verlangt nach rosafarbenem Quark, aber wir haben nur noch gelben im Kühlschrank. Gelben will sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht, denn gelb ist schließlich nicht ihre Lieblingsfarbe.
"Jette. Pfui." sagt mein Mann, als Jette aus Protest gegen den gelben Quark ansetzt, ihr Brot zu zerbröseln. Und zu mir: "Unsere Tochter ist ein Schwein. Das ist doch nicht normal, was sie mit ihrem Essen macht!" Ich: "Dann nimm es ihr weg." Er: "Klar, damit ich immer der Böse bin!"
Marius (4) kniet auf seinem Stuhl und rutscht ab, hält sich aber noch an der Tischplatte fest. Ich: "Setz dich ordentlich hin!"
Und zu meinem Mann: "Siehst du, ich kann auch schimpfen."
Er: "Ja, aber bei Jette getraust du dich nicht. Vor ihr hast du Angst."
Ich: "Ja. Sie ist so verständnislos. Und sie schlägt mich."
Wir sitzen seit längerer Zeit am Tisch, mein Honigbrötchen ist gegessen und der Cappuccino alle. Mich überkommt eine Welle der Erleichterung, als mein Sohn zum ersten Mal in sein Wurstbrot beißt und binnen weniger Minuten sein Teller leer ist.
"Fertig", tönt Marius - und zu Jette: "Bäh-bä-bä-bäh-bäh!"
Jette hat inzwischen einen großen Bananenturm gebaut. Vermutlich ist es kreativ, das Kind. Ich habe gelesen, dass es normal ist, wenn Kinder beim Essen und beim Schlafen streiken. Denn das sind die einzigen Gelegenheiten, bei denen ihre Eltern machtlos sind. Erwachsene können den kleinen Leuten dann nicht ihren Willen überstülpen, indem sie sagen, das wird jetzt gemacht. Also versuche ich es mit Geduld und Ignoranz, um Jette den Spaß am Provozieren zu verderben.
Trotzdem gehen mir ab und zu die Nerven durch, weil ich Angst habe, meine Tochter könnte verhungern. Ich stelle dann ihren Teller weg, woraufhin sie ihr Sieger-Lächeln aufsetzt.
"Mein rotes Lätzel ist nass", wimmert Jette, sie hat sich einen Tropfen Holunderblüten-Tee auf ihren Latz gekippt. "Das trocknet, ist gar nicht schlimm", sage ich. Jette schluchzt: "Naaass. Alles." Sie reißt den Latz runter. "Jette!", sagt mein Mann. Was soll man da auch noch sagen?
Marius, dem langweilig geworden ist vor seinem leeren Teller, rückt auf meinen Schoß rüber. Der braucht Zuwendung, der kleine Kerl. Jette sieht das und fühlt sich emotional vernachlässigt. "Auch Jette Mama sein Sooß", fordert sie.
Ich beende das Drama, indem ich mit den Kindern waschen gehe. Nebenbei esse ich den Bananen-Turm. Morgen werde ich ihr wieder Frühstück hinstellen. Ich gebe nicht auf.
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