Leser-Obmann
Blog von Reinhard Oldeweme
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Sei gnädig, oh Erdboden, nimm mich auf
Der wohl berühmteste Satz eines Sportreporters fiel vor rund 50 Jahren bei einer Reportage über ein Skirennen: "Tausende standen an den Hängen und Pisten", sagte die Stimme aus dem Off. Heinz Maegerlein, so hieß der Kommentator, hat dieses Zitat ein Leben lang begleitet. Auch ich habe einen Satz, den ich geschrieben habe und für den Rest meines Lebens niemals vergessen werde. Mittlerweile ist er mir nicht mehr peinlich, weil ich damals - die Mauer stand noch, aber nicht mehr lange - als Volontär mir bei einer Tageszeitung gerade die ersten journalistischen Sporen verdiente. Es war das Portrait eines Unternehmers, er wurde 70 Jahre alt; Zeit seines Lebens war er ein begeisterter Hobbyflieger gewesen. Und ich schrieb in meinem Artikel: "1951 bestieg er erstmals ein Flugzeug, zwei Jahre später auch seine Frau."
Zu den vielen Ordnern auf dem Desktop meines Computers hier im Büro der "Freien Presse" zählt auch einer mit dem Titel "Rot". Für diese Bezeichnung gibt es eine ganz einfache Erklärung: Bei meinem Gesprächen mit Lesern passiert es von Zeit zu Zeit, dass ich etwas sage, wofür ich bereits ein paar Augenblicke später vor Scham im Erdboden versinken möchte, meine Gesichtsfarbe nimmt dann einen deutlich erkennbaren roten Ton an. Es gibt allerdings keine Platzierung innerhalb der mittlerweile elf Einträge. Deshalb mag an dieser Stelle ein Beispiel daraus genügen, um deutlich zu machen, warum ich diesen Ordner überhaupt angelegt habe. Es war vor ungefähr einem Jahr, als mich ein Leser anrief und folgendes Anliegen hatte:
"Mit einem befreundeten Künstler in Süddeutschland arbeite ich seit zwei Jahren an einem Projekt Mehlart, nun wollen wir unsere Stücke ausstellen und möchten gerne, dass die Zeitung darüber schreibt", sagte er mir. Nun gebe ich ungerne zu, gerade wenn es um Kunst geht, dass ich etwas nicht kenne; sowie in diesem Fall, denn von Mehlart hatte ich noch nie etwas gehört. Art steht für Kunst, das war mir klar, aber Mehl? Also versteckte ich mein Unwissen in einer Frage: "Was kann man damit alles so machen an Kunst, ich kenne es nur vom Brotbacken?" Der Mann sagte sekundenlang nichts, bevor er mir erklärte, was Mehlart ist: "Wir schicken uns jede Woche eine Postkarte, die wir künstlerisch gestalten; mal zeichnen wir, mal bearbeiten wir sie plastisch." Bei der Erwähnung der Postkarte trat der Rot-Effekt ein, das Brotbacken war mein Fauxpas: Mail Art ist seit Jahrzehnten eine anerkannte Kunstrichtung, ich hatte noch nie in meinem Leben davon gehört; dass man im Sächsischen beide Wörter gleich ausspricht, war keine Entschuldigung. Seit heute gibt es eine weitere Eintragung in meinem Ordner "Rot".
Die Leserin hatte mich angerufen, weil sie die Kolumne "Wieder an Bord" gelesen hatte und über meine Entschlüsse reden wollte. Nachdem wir die drei Themen ausführlich besprochen hatten, fragte sie mich noch abschließend: "Und, sind Sie bei Schwester M. schon weitergekommen?" Ohne zu überlegen und aus dem Bauch heraus sagte ich: "Keine Nummer, tote Hose."
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