Leser-Obmann
Blog von Reinhard Oldeweme
Telefon: 0371 656-65666 (10 bis 12 Uhr), Telefax: 0371 656-17041
E-Mail: leser-obmann@freiepresse.de 27.06.2012 - 14:05:53
E-Mail: leser-obmann@freiepresse.de
Von Linien, Sekunden und Geboten
Es tut mir außerordentlich leid, weil ich das zu Anfang loswerden muss, aber die Fragen gestern hier in meinem Blog "In Mathe und Physik war ich noch nie gut" waren einfach viel zu schwer; keine einzige richtige Lösung hat mich erreicht. Deshalb will ich die Sachen jetzt mal aufklären. Also zu dem ersten Problem, weswegen mich Leser angerufen haben:
Die Formulierung, dass der Ball in vollem Umfang hinter der Linie gewesen sei, ist leider falsch, wenn man den mathematischen Ansatz wählt, weil es dann heißen müsste, dass die Kugel mit ihrem vollen Durchmesser die Linie hinter sich gelassen habe. Der Mathematiker hat mit Sicherheit hier Recht, doch verstehe ich (und die meisten anderen Menschen vermutlich auch) diese Redewendung als bildhafte Umschreibung, weil beispielsweise ein Mörder in vollem Umfang ein Geständnis ablegen kann, aber diesen Einwand wollten die Anrufer nicht gelten lassen, denn ihre Maxime lautet: Was richtig ist, muss richtig bleiben und darf nicht falsch sein.
Bei dem zweiten Problem waren es mehr die Physiker, die mich angerufen oder mir geschrieben haben, dass da etwas Falsches in der Zeitung gestanden hat. Und auch sie hatten Recht: Der Schall legt in rund drei Sekunden einen Kilometer zurück. Dementsprechend sind die Rückschlüsse zu ziehen, wenn man einen Blitz sieht und so lange zählt, bis man den Donner hört. Aber ich habe gestern mal den Test unter Kollegen gemacht, und fünf Redakteure gaben zu, dass auch sie bislang an die Bauernregel glaubten, wie sie in der Zeitung stand: Eine Sekunde für jeden Kilometer, die das Gewitter entfernt ist. Dass ich versucht habe, die Bauernregel als solche nicht ganz ernst zu nehmen und sogar zu verteidigen, haben die Physiker als Angriff auf ihr naturwissenschaftliches Selbstverständnis empfunden; die Gespräche dauerten auch nicht sehr lange, eher Sekunden als Minuten.
Bleibt mir jetzt noch, kurz zu erzählen, dass sich heute so kurz vor elf meine Gesichtsfarbe zum Dunkelroten hin verfärbt hat, weil mir mal wieder etwas höchst peinlich war. Aber zum Glück war ich allein im Zimmer, während der Leser davon überhaupt nichts mitbekommen haben dürfte, weil eigentlich nur er geredet hat. Aber das war denn auch das Problem: Der Anrufer wollte mir - er war etwa der zwanzigste mit diesem Anliegen in den vergangenen zwei Wochen - seine Meinung dazu sagen, warum er gar nichts davon hält, dass homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer gemeinsam mit ihren Partnern im Pfarrhaus leben dürfen. Der Mann am anderen Ende der Leitung redete und redete und redete, während er mir eine Bibelstelle nach der anderen zitierte und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen erläuterte. Ich gebe zu: Irgendwann habe ich nicht mehr voll konzentriert zuhören können, mir aber die größte Mühe gegeben, dass den Anrufer nicht spüren zu lassen, indem ich immer mal ein "ich verstehe" oder "da haben sie vermutlich Recht" oder "können Sie das noch näher erläutern" fallen lasse. Wenn ich in der Materie, um die es geht, einigermaßen sattelfest bin, dann sage ich auch schon mal "das sehe ich auch so" oder "ich stimme Ihnen voll und ganz zu". Und mit der Bibel kenne ich mich aus, dafür hat schon meine Schulbildung bis zum Abitur gesorgt. Also sagte ich, nur mit halbem Ohr dem Gespräch folgend, irgendwann mal dies, als der Anrufer gerade bei menschlichen Tugenden angekommen war; gehörte hatte ich "gewaltfreie Lebenseinstellung" und "moralische Grundsätze": "Das gilt auch für mich uneingeschränkt."
Der Mann macht eine Pause, tatsächlich fast drei Sekunden lang hörte ich nichts, dann diese Frage: "Dann leben Sie also auch konsequent nach den zehn Geboten?" Und ich hatte ein Problem: Weltanschaulich will ich niemals lügen, wenn ich mit Lesern spreche, genauso wenig mich aber vor einer Antwort drücken oder rumzueiern. Also sagte ich: "Konsequent sicherlich nicht, weil auch ich ein Mensch bin mit Fehler und Schwächen, aber mein eher humanistisches Weltbild fußt in einigen Punkten tatsächlich auf Inhalten aus den zehn Geboten." Und dann fragt mich der Leser doch tatsächlich: "Mit welchem Gebot haben sie denn die meisten Probleme?" Und da war dann, mittlerweile war ich natürlich voll konzentriert bei der Sache, der Punkt erreicht, an dem ich sagte: "Das ist aber jetzt doch zu persönlich, darüber möchte ich nicht reden." Man muss sich nur mal vorstellen, wie der Anrufer reagiert hätte, wenn ich ihm gesagt hätte, dass ich mit diesem Gebot überhaupt nicht klarkomme: Du sollst nicht ...
| vorhergehender Eintrag | weitere Einträge | folgender Eintrag |