Leser-Obmann
Blog von Reinhard Oldeweme
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Über die Beschneidung redet man nicht
Heute mal ganz ernst: Seit Wochen warte ich darauf, dass mich ein Leser anruft und mit dem, was er sagt, mir eine Brücke schlägt, um endlich das Thema, dass mittlerweile in unserem Land extrem kontrovers und nicht weniger emotional diskutiert wird, hier in meinem Blog aufgreifen zu können. Es läuft auf eine einzige Frage hinaus: Soll die Beschneidung von Jungen im Kindesalter weiterhin als Straftat gelten, nachdem ein Kölner Landgericht ein entsprechendes Urteil gefällt hat, oder soll sie, wie die Bundesregierung es zurzeit mit einem neuen Gesetz erreichen will, als religiöses Ritual unter bestimmten Bedingungen erlaubt sein?
Um es kurz zu machen: Niemand hat mich deswegen angerufen, aber die Zahl der Leserbriefe zu nur einem Thema könnte demnächst die Rekordmarke von weit über fünfzig brechen. Und das wirft, weil dieses Verhältnis von "darüber reden" und "darüber schreiben" so extrem ist, eine weitere Frage auf: Warum fühlen sich so viele Menschen berufen, klar Stellung zu beziehen (die überwiegende Mehrheit ist gegen eine Legalisierung dieser religiösen Tradition), aber keiner hat den Mut, mit mir darüber zu diskutieren, während andererseits die Leitung glüht und dieses Thema über mich hinein bricht, sobald "Freie Presse" beispielsweise eine Kurzmeldung mit einer Statistik der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland veröffentlicht hat?
Ein anderes Beispiel: Als vor etwa einem halben Jahr eine Debatte darüber begann, um homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnern zusammen im Pfarrhaus leben dürfen, waren die beiden Lager bei den vielen Leserbriefen etwas zu gleichen Teilen vertreten, während am Telefon fast ausschließlich Leute mit mir darüber sprechen wollten, die hier die Bibel als die letzte Instanz anführten und deshalb die gleichgeschlechtliche Liebe rigoros ablehnten; geschweige über das eigentliche Thema überhaupt mit mir reden wollten.
Selbst im Netz wird heftig darüber diskutiert, die Zahl der Kommentare zu Artikeln, in denen es um die Reaktionen zum Kölner Urteil beziehungsweise die Bemühungen der Bundesregierung geht, spricht eine deutliche Sprache.
Und ich frage mich jetzt: Warum ist das bei der Beschneidung anders, warum lässt sich die Kritik leicht in einer Mail oder einem Brief verschicken oder in einem Kommentar in Worte fassen, während die mündliche Diskussion darüber gescheut wird? Ist das nur mein Eindruck, eine These?
Ich weiß es nicht, vielleicht hat jemand eine Idee.
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17:52 Uhr
809626: Meine ganze Meinung zu diesem Thema sieht so aus:
Beschneidungen von Kindern (in diesem Fall ging es um Jungen) sind ab sofort strafbar! Dies haben die Richter eines Kölner Gerichtes als Urteil gesprochen. Die Richter urteilten eigentlich ganz klar: Jeder Mensch hat das Recht auf freie Religionsausübung. Und jeder Mensch, egal welcher Religion, hat auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Und das Recht auf körperliche Unversehrtheit haben die Richter ÜBER das Recht auf freie Religionsausübung gestellt. RICHTIG SO!! Zumal, wenn es um nicht selbst getroffene Entscheidungen geht (weil es Kinder sind!).
Das Problem ist wieder einmal, daß man sich damit einerseits den Zorn der muslimischen und jüdischen Bevölkerung zuzieht ? und anderseits befürchten Ärzte und Soziologen einen Rückzug dieser Praktiken zu Quacksalbern, in dreckige Hinterzimmer oder ins Ausland. Denn die Einsicht, daß hier Körperverletzung aus Glaubensgründen heraus geschieht, muss erst einmal in die betreffenden Köpfe hinein!
Ich persönlich würde gegen solche religiösen Machenschaften noch viel radikaler zu Werke gehen ? es sei denn, derjenige wünscht es im Erwachsenenalter und bei klarem Verstand selbst. Zu diesen religiösen Machenschaften zähle ich die Beschneidung von Jungen (Judentum und Islam) und besonders und nicht zu vergessen die grausame Verstümmelung von Mädchen, harmlos genannt Beschneidung (in afrikanisch-islamischen Ländern). Dazu zählen Kulthandlungen und Teufelsaustreibungen, das Verweigern bestimmter Bildungsziele und ab einem gewissen Punkt auch die Verweigerung medizinischer Behandlungsmethoden aus rein religiösen Gründen ? wie gesagt, seinem unmündigen Kind gegenüber. Dazu zählt aber auch eine dem Kind im unmündigen Alter aufgezwungene Taufe bei den Christen! Zumindest letzteres ist aber, das sei der Gerechtigkeit halber erwähnt, keine Verletzung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit.
Warum wird so etwas denn im Kindesalter gemacht? Weil die Dogmatiker und weltfremden Religionseiferer denken (zu Recht), der Erwachsene könnte zu dem ganzen Hokuspokus NEIN sagen!
Die Verfechter dieser umstrittenen Methoden meinen ernsthaft, daß man sich von den Erlebnissen als Kind ganz schnell erholt, daß man überhaupt nichts dabei spürt, daß es völlig ungefährliche Rituale sind ? und man macht im Judentum aus der Beschneidung der Jungen sogar ein Familienfest. Wer erzählt eigentlich solchen Schmarren, daß man dabei nichts spürt? Man kupierte auch über Jahrzehnte dem Rottweiler den Schwanz und anderen Hunden die Ohren, und man behauptete, Das merken die gar nicht. Und männliche Ferkel werden ohne Betäubung kastriert. Aber das merken die auch nicht. Sicher, die quieken vor Freude. Bei Hunden ist es mittlerweile seit Jahren in Deutschland verboten! Ferkel, Hähnchen oder Gänse werden weiterhin gequält. Soviel dann auch gleich noch zur differenzierten Wertigkeit Haustier-Nutztier-Mensch! Bei den Hunden mussten erst Richter und Gerichte einschreiten. So gesehen war das Beschneidungsurteil längst überfällig!
Seit über zweitausend Jahren geht es um Macht, Geld und Sex (ich meine Sex, nicht Liebe!). Das eine ist vom anderen (Macht, Geld und Sex) nie richtig zu trennen. Und zumindest das Thema Beschneidung (bei Mädchen noch viel schlimmer, grausamer und mit nicht unerheblichen Nachfolgen) hat ganz sehr mit Machtausübung und Sex zu tun. Und während die Wunden (nicht nur die körperlichen, auch das Erlebte) bei Jungs vielleicht recht schnell verheilen, so sind sie bei Mädchen viel langwieriger und schmerzvoller, und oftmals sogar tödlich! Auch das hat mit Machtausübung und Sex zu tun. Und den alten notgeilen Religionssäcken, den Medizinmännern, den schadenfrohen alten Weibern und wer auch immer damit zu tun hat läuft bei der Prozedur vielleicht der Sabber übers Maul. Genauso, wie die katholische Kirche bis übers Mittelalter hinaus sich in die Ehebett-Privatsphäre einmischte und vorschrieb, in welcher Stellung Sex stattzufinden hat ? und auch nur, um Nachkommen zu zeugen!
Warum sind es denn gerade die Geschlechtsteile, die verstümmelt werden? Der Mensch wurde mit Vorhaut oder mit Klitoris und Schamlippen erschaffen. Und ganz sicher auch NICHT von Gott oder Allah! Und es solle mir keiner mit hygienischen Grün- den kommen. Zumindest bei den Jungs wird dieser Aspekt nämlich gern hervorgeholt. In der heutigen Zeit gibt es andere Möglichkeiten der persönlichen körperlichen Hygiene und der Vermeidung von übertragbaren Erkrankungen.
Übrigens, zum Thema ?Warum sind es denn gerade die Geschlechtsteile?.? Bei den Hexenfolterungen im Mittelalter war das nicht anders. Wo sonst konnte denn ein Kirchen- mann mal völlig legal eine nackte Frau sehen und ihr Schlimmes antun, seine obszöne Gier befriedigen und Macht ausüben durch Schmerzen an den intimsten Stellen des Opfers? Sadismus nennt man das! Hier bekam er (oder sie) wenigstens mal die Möglichkeit, einen Ständer unter seiner Kutte aufzubauen. Und der überdurchschnittlich hohe Prozentsatz an Kindesmißbrauch in katholischen Heimen spielt in derselben Liga wie die Beschneidungen. Demzufolge gehört auch das Zölibat in die Kategorie Nicht mehr zeitgemäß! Sexuell frustrierte Menschen sind nicht zurechnungsfähig!
Oben habe ich geschrieben, daß ich auch das Verweigern von medizinischer Hilfe oder medizinischen Behandlungsmethoden aus religiösen Gründen nicht gutheiße, zumindest dem unmündigen Kind gegenüber. Es wurden Stimmen laut, die bezeichneten auch eine Schutzimpfung als Körperverletzung. Ich meine: Leute, bleibt mal auf dem Teppich! Zumindest die Pflichtimpfungen sind sinnvoll. Das obige Thema Beschneidungen stellt eine Körperverletzung dar und zieht einen gesundheitlichen Schaden nach sich. Wer das als Erwachsener immer noch möchte, kann das gern tun. Aber die Schutzimpfung stellt eigentlich das genaue Gegenteil dar. Oder will man Pocken, TBC, Tetanus und dergleichen wiederhaben? Wer so argumentiert, handelt gegenüber seinem Kind unverantwortlich. Das heißt aber auch, daß man das Thema Sterbehilfe einschließt. Denn auch Sterbehilfeverweigerung gegenüber dem mündigen Todkranken ist Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung. Um Sterbehilfe zu bitten und diese auch empfangen zu dürfen hat nichts mit Verweigern von medizinischer Hilfe oder medizinischen Behandlungsmethoden aus religiösen Gründen zu tun.
Als Körperverletzung oder zumindest eine Verletzung des Rechts auf körperliche Unver- sehrtheit bezeichne ich es auch, wenn Eltern ihren minderjährigen Kindern Tattoos oder Piercings (außer vielleicht herkömmlichen Ohrringen) gestatten. Selbst wenn der Nachwuchs quängelt, hier haben die Eltern Standfestigkeit zu behaupten und Verantwortung zu zeigen! Ansonsten ist das nämlich so bescheuert, wie die Anwältin, die vor Jahren im November bei 5 Grad Außentemperatur mit ihrem nackten Kind in München Fahrrad fuhr, nur weil sich das Kind morgens nicht anziehen lassen wollte. Die Mutter hatte den Willen des Mädchens respektiert. Aber auch das kann gesundheitliche Schäden nach sich ziehen. Also sollte man das Themen Beschneidung, Piercing und Schutzimpfung einfach mit einem klaren Menschenverstand betrachten!!! Und nicht von religiösen Dogmen leiten lassen, die nur der Machtausübung dienen.
P.S.: Das Thema Ehrenmorde aus religiösen Gründen habe ich jetzt mit Absicht nicht auch noch einbezogen, gehört aber definitiv auch mit in diese Diskussion!
17:00 Uhr
hkremss: Es ist leicht, quasi im Vorbeigehen anonym und schnell im Internet seine Meinung kund zu tun. Jeder kann das machen, selbst wenn man keine Ahnung hat. Man wird nicht gesehen, nicht gehört und man muss auch keine Antwort abwarten oder sich gar damit inhaltlich auseinander setzen! Ein kurzer Monolog, gern auch etwas plakativ oder herablassend und fertig! Am Telefon sieht die Sache anders aus, noch anders bei einem persönlichen Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Deshalb rufen Sie vor allem Leute an, denen ein Problem echte Herzensangelegenheit ist, die sich länger damit auseinander setzen... Klar, wir sind tolerant, haben nichts gegen die Homo-Ehe von Pfarrern! Klar sind wir gegen Beschneidung von Kleinkindern! Und wir tun das kund, denn es kostet uns weder Geld noch Mühe! Aber eigentlich ist es uns doch auch egal, wir können sowieso nicht jedes Problem auf der Welt lösen. Und eigentlich regt uns der verregnete Sommer viel mehr auf, als die Probleme anderer Leute. Zumindest solange wir nicht betroffen sind oder ganz viel Zeit haben oder noch mehr Idealismus. Seien Sie doch froh, dass Sie nicht jeder anruft.
15:52 Uhr
809626: Zitat: "Und ich frage mich jetzt: Warum ist das bei der Beschneidung anders, warum lässt sich die Kritik leicht in einer Mail oder einem Brief verschicken oder in einem Kommentar in Worte fassen, während die mündliche Diskussion darüber gescheut wird? Ist das nur mein Eindruck, eine These?" Ich scheue die mündkiche Diskussion zu diesem Thema keinesfalls - und schließe das Thema "Taufe" dabei gleich mit ein!