Alltag Afghanistan
Blog von Christian Gesellmann - 10.09.2012 - 18:27:08
Mehr als fair
Am Ende meines Besuches in Hazrat-e-Sultan bittet mich Farid, ihn und seine Kollegen in ihrem Zelt zu besuchen. Er habe mir etwas zu sagen. Der 24-Jährige lebt in Masar-i-Sharif, er trägt die Uniform der Bundeswehr. Statt Stiefeln hat er Laufschuhe an, um den Hals trägt er ein rotes Tuch. Er ist Sprachmittler und sein täglicher Job besteht darin, die Konsultationen deutscher und afghanischer Offiziere zu übersetzen. Im grauen Zelt rattert ein Ventilator, ein Teppich liegt aus, die Schuhe müssen draußen bleiben. Ein Stuhl wird für mich in der Mitte der Unterkunft platziert, Zigaretten und Tee angeboten.
Während die vier anderen Dolmetscher auf ihren Feldbetten sitzen und schweigen, beginnt Farid zu erzählen: "Wir bitten jeden deutschen Journalist, diese Botschaft mitzunehmen: Vergesst uns nicht!" Er redet langsam und eindringlich. "Alles, was wir von der deutschen Regierung verlangen, ist, dass sie uns einen sicheren Ort zum Leben gibt. Wenn die Bundeswehr abzieht, sind wir den Taliban schutzlos ausgeliefert." In Propagandaschriften hetzen die Taliban schon seit Jahren gegen alle Helfer der internationalen Truppen. "Wenn die Ausländer erst mal weg sind, werden die Kollaborateure den Preis für ihren Verrat zahlen", kündigte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed im Mai an. Allein im deutschen Regionalkommando Nord in Afghanistan sind zwischen 1600 und 3000 Afghanen, Dolmetscher, Fahrer und Arbeiter beschäftigt. Die meisten sind seit Jahren fest angestellt bei Bundeswehr, dem Auswärtigen Amt oder anderen deutschen Stellen wie bei den Polizeiausbildern oder bei Entwicklungshilfeprojekten. "Wir werden auf der Straße beschimpft und unsere Familien werden bedroht", sagt Farid.
Spätestens seit dem Rückzug der Amerikaner aus dem Irak im vergangenen Jahr, auf den eine Serie von Lynchmorden an ehemaligen Helfern der Streitkräfte und der US-Botschaft folgte, sind auch deutsche Ministerien in aller Schrecklichkeit dieser Problematik gewahr geworden. Eine Lösung gibt es indes noch nicht. Der Einzelfall müsse geprüft werden, hieß es zuletzt aus dem Innenressort. Die Amerikaner bieten inzwischen ihren afghanischen Helfern automatisch Visa an, wenn sie mehr als eineinhalb Jahre angestellt waren. Ähnliche Regelungen haben Norwegen und Schweden getroffen. Es wäre nur fair, wenn Deutschland diesen Beispielen folge, sagen Farid und seine Kollegen.
| vorhergehender Eintrag | weitere Einträge | folgender Eintrag |