Jung, gebildet, ehrgeizig sucht ...

Blog von Franziska Herold - 23.09.2012 - 21:35:39


"Sie sind also Experte für…?"

Eines Dienstags sitze ich 9 Uhr endlich im Warteraum der Arbeitsagentur. Neben mir sitzt Harald. Er sieht aus wie 60, ist aber vermutlich jünger. Sein ergrautes Haar hängt ungepflegt am Kopf herunter - und er riecht schon jetzt nach Alkohol. Auf der anderen Seite des Raums steht - lässig Kaugummi kauend - Lisa. Ihr Blazer ist mindestens zwei Nummern zu groß. Dadurch wirkt sie noch zierlicher, als sie ohnehin schon ist. Sie schaut zwar ähnlich desillusioniert wie Harald, aber wenigstens hat sie sich etwas zurechtgemacht. Das kann ich von Harald nicht behaupten. Zwischen den beiden wirke ich, schick in Hosenanzug plus Bluse und hoffnungsvollem Blick, wie ein Paradiesvogel.

Noch bevor ich mir weiter Gedanken darüber machen kann, dass wir drei schon eine merkwürdige Ansammlung von Menschen darstellen, werde ich aufgerufen.  Ich betrete das Zimmer meiner Sachbearbeiterin und mir fallen sofort die vielen Broschüren über die Berufswahl nach dem Studium, Gehaltsstatistiken und Praktikumsmöglichkeiten auf. Offensichtlich betreut sie ausschließlich Studenten, sollte mir also tatsächlich weiterhelfen können.

Als ich ihr meine Ausgangssituation geschildert habe und sie alles pflichtbewusst in ihren Computer eingehämmert hat, kommen wir endlich zum wichtigen Teil des Gesprächs. Sie dreht ihren Monitor in meine Richtung und zeigt mir, was sie soeben in mein Bewerberprofil eingegeben hat.

"Als nächstes müsste ich dann Ihre Kenntnisse hier eintragen", sagt sie und weist auf den Bildschirm.

Ich beginne also aufzuzählen, dass ich Controlling und Produktion/Logistik studiert, mich volkswirtschaftlich auf Wirtschaftspolitik spezialisiert und im Nebenjob bei der Wirtschaftsförderung gearbeitet habe. Wieder wird alles brav vermerkt.

"Sie besitzen also Expertenwissen auf diesen Gebieten."

"Expertenwissen? Ich würde eher sagen, dass ich Fachwissen besitze, Experte bin ich damit aber noch nicht."

"Doch das stimmt schon so", erwidert meine Sachbearbeiterin. "Ich suche jetzt mal heraus, welche Jobs in unserem Portal zu ihnen passen könnten."

Okay, denke ich, sie muss es ja wissen ...

Ein paar Minuten lang starrt sie auf ihren Monitor und zeigt mir dann das Ergebnis für Sachsen. Ganze vier Jobs in Richtung Controlling gibt es.  Alle vier verlangen mindestens drei Jahre Berufserfahrung, die ich nicht habe. Was ich aber noch viel schlimmer finde, ist die Tatsache, dass ich mich auf jeden dieser Jobs bereits beworben habe.

"Dann können Sie natürlich auch noch auf anderen Seiten nach einem Job suchen. Stepstone zum Beispiel, oder Sie geben ihre Suche einfach bei Google ein."

"Wirklich? Ich kann Jobportale über eine Suchmaschine finden? Das ist ja der Wahnsinn! Darauf wäre ich selbst nie gekommen", spukt es in meinem Kopf.

Noch bevor ich diesen Satz weiter auseinander nehmen kann, schiebt sie hinterher: "Aber denken Sie daran, sich immer bestätigen zu lassen, dass sie sich beworben haben. Das ist wichtig für die Bewilligung von Hartz IV."

"Hartz IV? Ich suche eine Arbeit und möchte keinen Antrag auf staatliche Hilfe stellen!"

"Das ist gar nicht so schlimm, viele Studenten sind nach dem Studium erst einmal arbeitslos. Den Antrag müssten Sie dann aber auf der anderen Straßenseite abholen."

"Ich denke, ich suche erst einmal weiter nach passenden Stellen?, antworte ich.

"Wir melden uns dann, falls ein Unternehmen einen Job ausschreibt, der auf Ihr Profil passt."

Ein bisschen klingt dieser letzte Satz wie, "Ich ruf Dich an!". Irgendwann - oder nie. Und plötzlich verstehe ich, warum Harald und Lisa so desillusioniert geschaut haben.

 

 


vorhergehender Eintrag weitere Einträge folgender Eintrag
Kommentare
3
(Anmeldung erforderlich)
  • 04.10.2012
    11:15 Uhr

    NIXer: Ich glaube Sie sind nicht die einzige, die diese Erfahrung gemacht hat. Besser ist es das Job-Center nicht zu brauchen, aber auch nicht um jeden Preis. Ich komme mir dort immer billig vor, obwohl ich das überhaupt nicht bin. Die massenhaften Job gibt es in wirklichkeut nicht. Denke alles nur Medienmache oder Lohndumping.

    0 1
     
  • 02.10.2012
    12:45 Uhr

    echterOssi: Hallo Franzi !
    Ihre Beiträge lese ich sehr gern. Sie schreiben so frisch und unterhaltsam, sowie genau aus dem Leben gegriffen.
    ich warte auf mehr!!! Danke und liebe Grüße

    0 1
     
  • 24.09.2012
    13:20 Uhr

    unwichtig: Tja, so ist das Leben... Wie ein Theaterstück ist das Leben, nicht wie lange, sondern wie gut es gespielt wurde, darauf kommt es an. -Seneca-

    P.S.: Ihre Blog's lese ich gern und Sie sind mir - aus menschlicher Sicht - sehr sympathisch. :-)

    0 1
     
Das könnte Sie auch interessieren
 

 
 
 
Blogger Franziska Herold

Das Studium liegt hinter und das Berufsleben vor ihr: Franziska Herold, 27 Jahre alt, hat nach ihrem Abschluss als Betriebs- und Volkswirtin die ganzen Höhen und Tiefen der Jobsuche in der Region kennengelernt. Genau darüber schreibt sie in diesem Blog. Nach einer Anstellung als Werkscontrollerin in einem Unternehmen nahe Chemnitz ist sie inzwischen an die TU zurückgekehrt und dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.

 
Ärztliche Notdienste

Apotheken und Ärzte der Region

Manchmal muss es schnell gehen. Notrufe und Notdienste der Apotheken und Ärzte von Annaberg bis Zwickau finden Sie hier.

weiter lesen
 
Die Blaue Börse jetzt neu!

Schalten Sie Ihre Anzeige noch auffälliger - mit Farbfoto oder mit größerer Überschrift! Ihre Anzeige erscheint mittwochs in der Freien Presse und gratis dazu 7 Tage im Internet.

► Zeitungsanzeige inserieren
► Online Only Anzeige inserieren