Netzgeflüster
Blog von Netzgeflüster - 30.03.2010 - 17:35:15
Gesichtskontrolle
Es gibt Dinge auf diesem Planeten, die sind so frustrierend wie der
Papp-Rest einer aufgebrauchten Klopapierrolle. Sie stehen vor Ihrem
Lieblingsclub, aber der tumbe Typ an der Tür lässt Sie nicht herein,
weil ihm Ihre Nase nicht passt. Ihr Gesicht ballt sich zur Faust, Sie
schelten den Mann einen Popo mit Ohren - und ehe Sie es sich versehen,
gibt es Blut, Schweiß und Tränen - aber keinen Einlass.
Es ist gut möglich, dass die Gesichtskontrolle in naher Zukunft etwas
anders abläuft. Vorausgesetzt, Sie sind im Internet gut vernetzt und
der tumbe Typ an der Tür des Lesens mächtig sowie der Fähigkeit, ein
Smartphone zu bedienen. Genau dann nämlich wird er seine Entscheidung
vielleicht auch von einem Programm namens "Recognizr" abhängig machen.
Entwickelt von schwedischen Programmierern, ist die Anwendung so etwas
wie ein moderner Erkennungsdienst: Sie machen mit dem Handy ein Foto -
und kurz darauf gleicht "Recognizr" das Bild mit Einträgen in sozialen
Netzwerken wie Facebook, Twitter und Co. ab und spuckt das Ergebnis
aus: wer der Abgebildete ist, was er tut, wer seine Freunde sind und so
fort. Zuvor muss der Fotografierte nur zugestimmt haben, durch ein
Programm wie "Recognizr" erkannt werden zu wollen. Denn darauf haben
die Entwickler großen Wert gelegt, wie ein Beteiligter vor kurzem dem
Magazin "Technology Review" versicherte. Schließlich hafte
Gesichtserkennung immer auch etwas Unheimliches an. Aber: In Fällen wie
oben beschrieben könnte Gesichtserkennung durchaus hilfreich sein. Man
wird neu taxiert, Entscheidungen fallen nicht allein aus dem Bauch
heraus.
Dienste wie "Recognizr" sind derzeit stark im Kommen und Teil einer
Entwicklung, die Fachleute Augmented Reality (AR) nennen, eine Art
erweiterte Realität. Sie hilft, Informationen aus dem Web mit aktuell
aufgenommenen Bildern zu verknüpfen. Stehen Sie zum Beispiel im Urlaub
vor einer Bergkette und wollen wissen, wie der höchste Gipfel heißt,
dann fotografieren Sie ihn - und schon erfahren Sie nicht nur den Namen
des Berges, sondern auch, wie hoch er ist, wie weit er von Ihrem
Standort entfernt ist und wie Sie dorthin gelangen. Gefällt Ihnen beim
Bummeln ein Artikel hinter einem Schaufenster, dann machen Sie ein Foto
und wissen kurz darauf, wo Sie ihn am günstigsten kaufen können.
Genauso gut können Sie dank "Recognizr" künftig im Café nebenan ein
Bild von der Schönheit am Nachbartisch machen und erfahren so, wer sie
ist. Sonderlich elegant ist das natürlich nicht. Eigentlich nur etwas
für Feiglinge oder solche, die sich nicht um ihre Handykosten scheren.
Dabei geht es viel einfacher. Denn wie heißt es so schön? Fragen kostet
nichts.
Von Ronny Strobel
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