Leser-Obmann
Blog von Reinhard Oldeweme
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E-Mail: leser-obmann@freiepresse.de 22.11.2010 - 14:49:47
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Etwas Spaß darf sein
"Es geht mir um Korruption und Vorteilsnahme im Amt", sagte der Leser heute am Telefon und fragte: "Haben Sie etwas Zeit für mich?" Das sind diese Momente, in denen ich zur Kaffeemaschine auf meinem Schreibtisch schiele, ob noch genügend Wasser im Tank ist, und in die Schublade schaue, ob sich zwischen den Unterlagen vielleicht doch noch ein Pad finden lässt, wenn man die Tüten mit Nüssen erst mal weggeschoben hat, bevor ich auch diesmal antwortete: "Na klar, schießen Sie mal los, das klingt ja aufregend."
Der Anrufer sprach aber nicht weiter, sondern kicherte; ich hörte es ganz deutlich. Dann sagte er: "Zweiundneunzig." Das sind die Momente, in denen ich meine Taktik ändere, denn eines stand auch diesmal fest: Der Anrufer will Spaß haben. Also aktivierte ich die Unterfunktion "Schlagfertigkeit" und sprach: "Das Alter hört man Ihrer Stimmer aber gar nicht an, Sie klingen wie weit unter Siebzig." Mindestens zehn Sekunden lang konnte der Leser nicht weiterreden, weil er sich so darüber amüsierte, dass ich ihm gleich auf die Schliche gekommen war. Ob ein ehemaliger Wahlbeamter, der während seiner Amtszeit möglicherweise Geld veruntreut hat, nach seiner Pensionierung dafür zur Rechenschaft gezogen werden kann und das Geld sogar zurückzahlen muss, wusste ich allerdings nicht. "Ich rufe Sie zurück", sagte ich und bekam zur Antwort: "Vielleicht vor Weihnachten noch, muss aber nicht sein." Das Gespräch war damit aber noch nicht zu Ende.
"Drei fünfzig", sagte der Leser. Das sind die Momente, in denen auch ein Leser-Obmann nur noch raten kann. "Sie müssen mir nichts bezahlen", versuchte ich eine erste Antwort. "Vier zehn", hörte ich im linken Ohr (das Headset hat nur eine Hörmuschel). "Vier Enkelkinder, zehn Urenkel, Sie haben aber eine große Familie." Der Mann gluckste vor Lachen, musste mehrmals hörbar Luft holen, sprach dann aber doch weiter: "Fast fünf." Jetzt war es soweit: "Ich gebe auf", sagte ich.
"In meinem Alter muss man aufpassen, wofür man seine Zeit investiert, und wir haben jetzt fünf Minuten und 25 Sekunden miteinander telefoniert. Vielen Dank dafür, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und freue mich auf Ihren Anruf." Die Unterfunktion war noch aktiviert: "Fünf vierzig, vielen Dank für das Gespräch."
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