Alltag Afghanistan
Blog von Christian Gesellmann - 13.09.2012 - 19:30:01
Die Marienberger Trutzburg
Der englische Anthropologe Robin Dunbar hat Anfang der 1990er-Jahre herausgefunden, dass es bei Primaten einen Zusammenhang zwischen der Größe des Gehirns und der Größe der Gruppe, in der sie leben, gibt. Je größer der Neokortex (jüngster Teil der Großhirnrinde), so seine These, desto größer die Anzahl von Individuen, mit denen man persönliche Beziehungen führen kann. Vom Affenhirn hochgerechnet auf den Menschen, kommt Dunbar auf die Zahl 148,8 als ideale Größe für eine Gruppe von Menschen. Aufgerundet zu 150 wurde sie bekannt als Dunbar-Zahl und wenig später fanden Forscher heraus, das historische Jäger-und-Sammler-Völker auf der ganzen Welt tatsächlich in Gruppengrößen von durchschnittlich 150 Menschen lebten. Die römische Armee baute auf eine Formationsstärke von 160 Männern (ein sogenanntes Manipel), und Gemeinden der Hutterer in den USA teilten sich auf, sobald sie eine Mitgliederzahl von 150 überschritten. Ihrer Meinung nach kann eine größere Gruppe nicht mehr allein durch Gruppendruck kontrolliert werden.
Als ich Soldaten aus Hazrat-e-Sultan zufällig in Masar-i-Sharif wiedertreffe und ihnen von Dunbars Theorie erzähle, zeigen sie sich wenig überrascht. "Das siehst du doch hier ganz deutlich: da laufen sich Deutsche in Afghanistan über den Weg und sagen nicht mal Hallo." Nicht zu vergleichen sei die fast familiäre Atmosphäre des Camps in Hazrat-e-Sultan, in dem rund 100 Marienberger Soldaten leben, mit dem Camp Marmal, das sie "Mallorca-i-Sharif" nennen. Dort sind etwa 6000 Soldaten aus aller Welt stationiert. Zu anonym, befinden die Soldaten, die eine kurze Pause einlegen, bevor sie wieder nach Hazrat-e-Sultan zurückfahren.

Im Camp Marmal gibt es Einrichtungen, die man wohl Kneipen nennen könnte, wenn sie nicht in Afghanistan stehen würden und der Alkoholkonsum auf zwei kleine Dosen Bier beschränkt bleiben müsste. Sie sind in einem flachen Backsteingebäude untergebracht und heißen "New Planet Mazar", "K2", "Oase". Es gibt Billardtische, Kicker, Dart, Lese-Ecken, Air-Hockey. Im gepflasterten Innenhof wachsen Rosen in Blumenkübeln. Wenn man abends im gut gefüllten Atrium sitzt, kann man sich ein bisschen wie in einem dieser seltsamen Club-Ressorts fühlen. Nur leider sind zur Safari-Party nur Männer gekommen. Es gibt ein Internetcafé, ein großes Fitness-Studio, eine Wäscherei, Feldpost, Marketender und den sogenannten "Jalajala"-Markt, auf dem Afghanen Tücher und Schmuck verkaufen. Das Schrappen der Hubschrauber-Rotoren hängt wie ein Staubtuch über dem Lager.
In Hazrat-e-Sultan herrscht nachts Ruhe. Der Videoabend ist wegen Sandsturm abgesagt. Ein Hauptfeldwebel wirbt für's Kicker-Turnier. "Was machen deutsche Männer, wenn sie Langeweile haben? Sie fangen an, etwas zu bauen" - Mit diesen Worten zeigte mir ein Soldat einen Ort, den ich in Hazrat-e-Sultan wirklich nicht erwartet hätte. Von dem ich aber auch versprochen habe, ihn nicht auszuplaudern. Ab und zu halten sich Journalisten sogar daran. Die Soldaten des Sicherungszuges halten sich ein Haustier - den Waran Paul in einem extra angefertigten Terrarium. Sie haben im Internet nachgeschaut, was er frisst.
Im Camp Mike Spann haben sich die Soldaten Brotbackautomaten mitgebracht, um freitags ein deutsches Frühstück machen zu können, und sie haben sich Steinöfen gebaut, um Pizza zu machen. Denn in Mike Spann gibt es nur eine amerikanische Kantine, und die ist wahrhaftig das Schreckenskabinett des Frittierten. Im Camp Marmal gibt es sogar eine eigene kleine Marienberger Trutzburg. Rund 60 Erzgebirger, die dort ebenfalls an der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte beteiligt sind, haben sich rund um ihre Zelte ("Wir schlafen doch nicht in Containern!") Hescos (große, mit Schotter gefüllte Gitterkörbe) aufgebaut, die sie vom Rest des Lagers abschirmen.
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