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Vorm Portal des Zwickauer Rathauses hielten die Demonstranten am Montag Schilder mit den Namen der zehn bisher bekannten Opfer hoch, die das rechte Terror-Trio auf dem Gewissen haben soll. Auch Siddik Tarek (ganz rechts) kam mit seiner Frau und den Töchtern zur Mahnwache. Vorm Portal des Zwickauer Rathauses hielten die Demonstranten am Montag Schilder mit den Namen der zehn bisher bekannten Opfer hoch, die das rechte Terror-Trio auf dem Gewissen haben soll. Auch Siddik Tarek (ganz rechts) kam mit seiner Frau und den Töchtern zur Mahnwache.

Foto: Marcus Richter

Hunderte Kerzen für die Opfer

Mit Mahnwache hat Zwickau der Opfer des Terror-Trios gedacht - Fast 200 Menschen kamen

Zwickau. Im Schritttempo nähert sich ein silberner Opel mit Glauchauer Kennzeichen dem Haus Frühlingstraße 26 im Zwickauer Ortsteil Weißenborn. Vor der Ruine bremst der Fahrer weiter ab und lässt den Wagen im Kriechtempo vorbeirollen, während er den Kopf dreht und die Trümmer inspiziert: Die gelbe Wand mit den Spitzbogenfenstern, im Obergeschoss darüber, dessen Außenwand fehlt, die rußschwarzen Innenwände jener Wohnung, in der über Jahre das Zwickauer Terror-Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos lebte.

Von hinten tönt eine Hupe. Der dem Opel folgende Passat hat ein Zwickauer Kennzeichen. In der Stadt kennt man die Fassade inzwischen zur Genüge. Doch längst lockt das Domizil der sogenannten Zwickauer Zelle Neugierige aus anderen Teilen der Region zum Gänsehaut-Gaffen: ERZ, C, V sind nur einige der Kennzeichen der langsam vorfahrenden Autos. Der Grusel-Tourismus boomt.

Und offenbar nicht nur der. Manche haben gleich Fahrgemeinschaften gebildet. Einem Transporter mit vogtländischem Kennzeichen entsteigt ein kahlköpfiges Quartett. Von der gegenüberliegenden Straßenseite blicken die jungen Männer eine Zeit lang wie in Andacht auf das Haus. Die schwarzweißroten Hosenträger des Beifahrers deuten seine deutsch-nationale Gesinnung an. Droht sich das Haus zur Pilgerstätte der rechtsextremen Szene zu entwickeln? Die das Haus bewachenden Polizeibeamten notieren die Nummer des Fahrzeugs.

"Dass so ein Ort für eine gewisse Zeit nach dem Ereignis Leute anzieht, ist normal" urteilt der Zwickauer Polizeisprecher Oliver Wurdak. "Man muss sehen, ob sich das wieder legt oder zu einem Dauerbrenner wird." Wie viele eventuell rechtsextreme Besucher unter den Grusel-Touristen seien, halte man indes nicht fest, sagt Wurdak. Fakt allerdings ist, dass die ganze Republik mit dem Namen der Stadt derzeit jenen rechtsextremen Terror assoziiert, der mutmaßlich von den drei über Jahre unerkannt in Zwickau abgetauchten Jenaer Neonazis ausging.

"'Dank' der Terrorzelle", habe es seine Geburtsstadt sogar auf die Seiten des Satire-Magazins "Titanic" geschafft, beklagte ein "Freie Presse"-Leser in der Vorwoche. Wegen seiner Herkunft habe er sich "manchen dummen Spruch" anhören müssen. In die "Titanic", also das westdeutsche Pendant des "Eulenspiegel", "schaffte" es die Stadt in der offenbar lustig gemeinten Kategorie "selten gesprochene Sätze": "Mach Dir keine Sorgen, der Verfassungsschutz hat das im Griff", ist da zu lesen. "Meiner Bank vertrau ich blind." Und eben: "Weltoffen und tolerant - so ist unser Zwickau."

Angesichts solcher Häme am fernen Redaktionstisch in Frankfurt am Main kann Martin Böttger nur mit dem Kopf schütteln. Der Wende-Aktivist, der bis zur Pensionierung im Vorjahr die Chemnitzer Außenstelle der Stasiunterlagen-Behörde leitete, ist auch im Ruhestand aktiv. Er sitzt für die Bündnisgrünen im Zwickauer Stadtrat. "Durch die aktuellen Nachrichten ist Zwickau sogar international in den Fokus gerückt. Bei den Schlagzeilen auf CNN liegt die Stadt an dritter Stelle. Dem muss man etwas entgegensetzen", sagt Böttger, auch wenn man in der Region keinem erklären müsse, dass Zwickau eben kein braunes Nest, eben "nicht die Stadt des Terrors" ist.

 
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erschienen am 22.11.2011 (Von Jens Eumann)
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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