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Michael Wolffsohn - Historiker undPublizist

Foto: Michael Wolffsohn

"Die Leute stellen auf Durchzug"

Historiker Wolffsohn hält das offizielle Gedenken an die NS-Verbrechen für wichtig, aber die Form zu ritualisiert

erschienen am 27.01.2016

Chemnitz. Das "Nie wieder" gehörte nach dem Krieg zum Kern der deutschen Identität in Ost und West. Seit 1996 ist der 27. Januar, der Tag, an dem die Rote Armee 1945 das Vernichtungslagers Auschwitz befreite, Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Nun scheint ein Wandel spürbar. Nicht erst seit der Flüchtlingsdebatte wird eine deutsche "Sondermoral" infrage gestellt. Helfen wir, weil wir historische Schuld tragen? Der in Tel Aviv geborene Historiker Michael Wolffsohn sprach mit Stephan Lorenz über die Bedeutung des Gedenktages.

Freie Presse: Wie wichtig ist ein solcher Gedenktag heute noch? Laut einer Bertelsmann-Studie vom vergangenen Jahr wollen viele der Befragten in Deutschland die NS-Verbrechen hinter sich lassen. Ist es wirklich Zeit für einen Schlussstrich?

Michael Wolffsohn : Das Gedenken ist richtig und wichtig. Aber das ritualisierte, immer mehr formelhafte Gedenken ertragen viele nicht mehr, denn fast jeder Satz eines jeden Gedenkredners ist vorhersehbar, einschließlich der Wortwahl. Damit erreicht man das Gegenteil des Gewollten. Die Leute schalten auf Durchzug. Die Frage der Bertelsmann-Studie zielte nicht auf einen Schlussstrich. Das wurde hineininterpretiert.

Ist die Art unseres Gedenkens vielleicht nicht mehr zeitgemäß?

O doch. Die Haltung von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage ist ohne jenen historischen Hintergrund überhaupt nicht zu verstehen. Sie hat konsequent angewandt, was in der Bundesrepublik Deutschland alle Verantwortungsbewussten immer gesagt hatten: Nie wieder dürfen Politik und Gesellschaft so versagen wie in den 1930er-Jahren. Damals hatten fast alle Länder der Erde den tödlich bedrohten Juden ihre Tore geschlossen. Heute sind 'zig Syrer, Iraker, Afghanen in Lebensnot - nicht die Menschen vom Balkan. Menschen in Lebensnot muss man helfen. Konkret: Das Gedenken ans Gestern hilft den Gedanken im Heute fürs Morgen.

Wann ist eine Vergangenheit wirklich bewältigt? Gibt es einen solchen Zeitpunkt tatsächlich?

Die rechtliche Bewältigung betrifft allein die Schuldigen, die moralische betrifft alle Zeitgenossen der Schuldigen. Sie betrifft die Nachfahren immer als Aufforderung. Die heißt: Denke, fühle, handele anders als Deine Vorfahren, die Massenmord entweder mitmachten oder mitliefen oder nichts wissen wollten. Und das: Bewahre Demokratie und Rechtsstaat. Sie allein garantieren ein menschenwürdiges Leben.

In der aktuellen Flüchtlingsdebatte hört man oft den Satz, die Hilfe der Deutschen für die Flüchtlinge, die Willkommenskultur, sei eine Form der Vergangenheitsbewältigung. Sehen Sie das auch so? Haben die Deutschen tatsächlich einen "Judenknacks", wie von der rechten Seite oft behauptet?

,Die' Deutschen gibt es so wenig wie ,die' Juden, ,die' Amerikaner und so weiter. Außerdem: Wer bitteschön ist rechts im Sinne dieses Zitats? Vergleichbares hört man von links. Antisemitismus ist leider keine exklusive Spezialität der extremen Rechten. Zur Sache selbst: Hätten ,die' Deutschen tatsächlich einen ,Judenknacks', ließen sie nicht Millionen Muslime ins Land. Die meisten von denen sind seit Jahrzehnten antijüdischer Hasspropaganda von allen Seiten ausgesetzt. Da sehen Sie mal wieder, was für einen Blödsinn diese Leute verbreiten.

Lehnen diejenigen, die gegen die Einwanderung von Millionen Flüchtlingen sind, die Sondermoral der Deutschen ab oder geht es mehr um Fremdenangst und die Bewahrung von Besitzständen?

Gegen diese Form der Masseneinwanderung sind nicht nur die von Ihnen genannten Gruppen. Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland und Europa sieht klar und zurecht: Deutschland wird ganz anders, Europa wird ganz anders. Auf diese Sorgen muss man eingehen, indem man den Menschen, deren Leben wir retten, deutlich zeigt, was hier geht und was nicht, und dass Regelbrüche Rechtsbrüche sind und als solche bestraft werden.

Der Historiker Heinrich-August Winkler schrieb vor Monaten in der "Frankfurter Allgemeinen": ,Zur deutschen Verantwortung gehört, dass wir uns von der moralischen Selbstüberschätzung verabschieden, die vor allem sich besonders fortschrittlich dünkende Deutsche aller Welt vor Augen geführt haben.' Hat er recht?

Ich kenne den Text. Zudem nennt er den Glauben, wir seien berufen, gegebenenfalls auch im Alleingang, weltweit das Gute zu verwirklichen, einen Irrglauben. Ich stimme Winkler zu. Absolut.

Wie sehen Sie die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der DDR? Der staatliche Antifaschismus hatte die Gesellschaft pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung freigesprochen. Hat das das Verdrängen von der Schuld befördert?

Diese DDR-Geschichte habe ich gründlich erforscht. Nachzulesen in meinem Buch "Die Deutschland-Akte". Da haben viele ,Aua' gerufen. Das ist die Diagnose: Die DDR hat es sich und sozusagen den Deutschen verdammt leicht gemacht. Motto: Die Täter waren die anderen, wir in der DDR sind die guten Deutschen und haben nichts damit zu tun. Ein allzu schönes Märchen - mit fatalen Folgen.

Welche Rolle spielt die historische Schuld heute noch in der internationalen Politik? Berlin wird immer häufiger aufgefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen. Die Zeit der deutschen Scheckbuch-Politik scheint vorbei?

So ist es. Das Ausland sieht unsere künftige Rolle weitaus funktionaler, mit weniger moralischem Ballast, als wir selbst. Hier und dort wird noch versucht, das heutige und wirklich hilfsbereite, menschliche Deutschland wegen der NS-Verbrechen zu erpressen. Stichwort Griechenland-Schulden. Das ist total verpufft. Die neue polnische Regierung legt hier und da die Nazi-Platte auf. Die hat Kratzer. Seit Jahren beweisen internationale Umfragen: Deutschland ist heute der weltweit beliebteste Staat. Im In- und Ausland sehen und wissen die meisten: Unsere Bundesrepublik ist ein menschlicher, demokratischer, hilfsbereiter Staat.

Zur Person: Michael Wolffsohn

Der 1947 in Tel Aviv geborene Sohn einer 1939 nach Palästina geflüchteten jüdischen Kaufmannsfamilie übersiedelte 1954 mit seinen Eltern nach West-Berlin. Nach Wehrdienst in Israel und Studium in Berlin, Tel Aviv und New York lehrte er von 1981 bis 2012 als Professor für Neuere Geschichte an der Uni der Bundeswehr in München. Er gilt als Experte für die Analyse internationaler Politik. Er ist unter anderem Autor der Bücher "Zum Weltfrieden" (2015), "Wem gehört das Heilige Land?" (13. Auflage 2016 und "Zivilcourage, Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt" ( 2016). (slo)

 
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Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 27.01.2016
    21:38 Uhr

    BlackSheep: Hat Spass gemacht zu lesen, sehr intelligent und durchdacht, bin nur an einer Ecke hängengeblieben. Was ist moralische Schuld? Kann ich, wenn ich immer an dem gemessen werde was meine Vorfahren gemacht haben, mich weiterentwickeln und besser werden? Man sieht doch jetzt gerade, finde ich, das diese Einstellung dazu geführt hat das man in Deutschland nur über Einstellungen redet und nicht über die Probleme alls solche.

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