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Das Phantombild der Frau, die nach dem Mord in Heilbronn gesehen wurde.

Foto: Grafik: Polizei

Die ungeprüfte Spur der blutigen Hände

Im Polizistenmordfall von Heilbronn erschien eine Spur einstigen Ermittlern besonders fruchtbar. In der Hypothese vom NSU-Trio aber hat sie heute keinen Platz mehr. Zu Recht?

Von Jens Eumann
erschienen am 07.02.2014

Heilbronn/ Oberweißbach. Anton M. hörte die Schüsse nicht, als er am 25. April 2007 am Neckar entlangradelte. Anton M. ahnte nicht, was gerade passiert war auf der Theresienwiese, auf deren verwaister Nordseite zwei in den Kopf geschossene Polizisten blutüberströmt aus ihrem Streifenwagen heraushingen. Die Beamtin Michèle Kiesewetter war tot, ihr Kollege Martin A. lebensgefährlich verletzt. Anton M. erfuhr erst am Folgetag, weshalb am Nachmittag des 25. April die ganze Stadt abgesperrt schien und ein Hubschrauber kreiste. Ungeachtet all dessen hatte Anton M. Minuten, nachdem auf dem Heilbronner Volksfestplatz die Schüsse gefallen sein mussten, nur wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt eine Begegnung der besonderen Art.

Drei Personen kamen ihm entgegen, zwei auf dem Uferradweg, die dritte ging gerade hinunter ans Wasser. Der Mann habe seine Hände reinigen wollen. Voller Blut seien die gewesen, berichtete Anton M. später der Polizei. Bei den Personen oben am Weg hielt Anton M. sein Rad kurz an. Es waren ein weiterer Mann und eine Frau. Den Mann habe er nicht gut sehen können, da er hinter der Frau gestanden habe. Diese habe ein Kopftuch getragen. Dennoch konnte der Zeuge sie später beschreiben. Besonders die markanten Augen hatten sich ihm eingeprägt. Anhand seiner Beobachtungen, die der Soko Parkplatz über Monate als eine der heißesten Spuren galten, erstellte man ein Phantombild.

Anton M. wurden Fotos von ursprünglich Verdächtigen vorgelegt. Eine Frau ähnelte der, die er gesehen hatte, am meisten. Das Foto zeigte eine Heilbronner Drogenabhängige. Allerdings verlief die Spur im Sand, weil die Frau ein Alibi vorweisen konnte - und von einer "Zwillingsschwester" bisher nirgends die Rede war.

Allerdings gibt es in der Tat jemanden, der der Heroinabhängigen Melanie V. aus dem Gesicht geschnitten scheint. Diese Frau wohnt nicht in Heilbronn, sondern im Thüringer Wald: Sie ist eine von drei Anführerinnen des früheren Thüringer "Mädelrings", einer Vereinigung kämpferischer Neonazi-Frauen.

Sie stammt aus Mellenbach-Glasbach. Der Ort ist vier Kilometer von Oberweißbach entfernt, der Heimat der ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter. Auf vormalige "Freie Presse"-Nachfrage, ob sie persönlichen Kontakt zu Kiesewetter gehabt habe, antwortete diese Frau nicht mit Ja oder Nein, sondern nur: "Dazu äußere ich mich nicht."

Fakt ist, dass diese Frau, die mit Spitznamen Rieke heißt, einst zusammen mit der besten Freundin, die die Polizistin Michèle Kiesewetter in ihrer Heimat hatte, zur Schule gegangen war. Über Jahre habe sie keinen Kontakt mehr zu dieser Mitschülerin gehabt, berichtete Kiesewetters Freundin Anja K. den Ermittlern im Dezember 2011. Doch kurz vor der Vernehmung habe eine Person über Facebook Kontakt zu ihr aufnehmen wollen, hinter deren Pseudonym "Kritischer Mensch" sie diese Ex-Mitschülerin vermute, sagte Anja K. Recherchen ergaben, sie vermutete richtig. Warum sich die Frau punktgenau zu Beginn der Terror-Ermittlungen wieder ihrer früheren Mitschülerin entsann, bleibt zunächst ihr Geheimnis.

Die Mädelring-Frau befand sich auch unter den Telefonkontakten von Ralf Wohlleben, als die Ermittler die Handydaten des in München mit Beate Zschäpe angeklagten mutmaßlichen Mordwaffen-Finanziers auswertete. Sie hat zwei Söhne von Andreas G., dem Bruder jenes männlichen Thüringer Szenekopfes Thomas G., der einst half, in Zwickau eine Gruppe Nationaler Sozialisten aus der Taufe zu heben: Thomas G. hatte seinerseits zeitweise mit Mandy S. ein Verhältnis, jener Schwarzenberger Friseurin, die Beate Zschäpe kurz nach dem Abtauchen Aliaspapiere zur Verfügung gestellt haben soll. In 27 Akten zum NSU-Prozess taucht der Name der Phantombild-Doppelgängerin auf, allerdings meist nur zum Abgleich, wer in der Szene mit wem vernetzt war. Anders als Kindsvater Andreas G. wurde sie nie zum Verhör bestellt.

Dass die mutmaßlichen NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, denen man den Mord an Kiesewetter zuschreibt, nicht allein in Heilbronn waren, diese Hypothese erwägt sogar die Bundesanwaltschaft. Die Überwachungskamera einer Bäckerei am Heilbronner Bahnhof lieferte Bilder, auf denen man zwei Männer und eine Frau sah, die Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sein könnten, hieß es. Eindeutig feststellen ließ sich die Identität der drei aber nicht.

Einer anderen Hypothese indes scheint man bei der Bundesanwaltschaft gar nicht nachgehen zu wollen: der, dass eine andere weibliche Person Mundlos und Böhnhardt in Heilbronn begleitet haben könnte, eine Person aus dem Heimat-Umfeld der getöteten Polizistin. Auf "Freie Presse"-Anfrage, ob Kiesewetters Oberweißbacher Freundin Anja K. je das Heilbronner Frauen-Phantombild gezeigt worden sei, reagierte Bundesanwalt Herbert Diemer unwirsch. Er sehe gar keine Veranlassung, das Bild am Heimatort der Polizistin überprüfen zu lassen. "Schließlich haben wir zwei mutmaßliche Täter, und wir haben ein Motiv."

Die Anklage stellt die Hypothese auf, dass der Mord dazu diente, an die Dienstwaffen der Polizisten zu gelangen. Beide Pistolen wurden beim Überfall entwendet. Auf Computerfestplatten des Trios sind Bearbeitungsstände des NSU-Bekennervideos mit dem Dateinamen "Aktion Polizeipistole" bezeichnet. Das sieht Bundesanwalt Diemer als Beleg dafür, dass es keine anderen Gründe für den Überfall gab.

Michèle Kiesewetters überlebender Kollege sieht das anders. Als der seit dem Überfall zu 70 Prozent behinderte Polizist im NSU-Prozess aussagte, kommentierte er: Auch wenn man zufällig die Täter entdeckt haben möge, "das Motiv hat Kommissar Zufall nicht gefunden".

 
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