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NSU: Mordhauch am Handschuh

Der Geheimdienstler Andreas T. muss erneut im NSU-Prozess aussagen. Er hatte eine Schmauchspur am Handschuh, die für die Munition der NSU-Morde typisch ist. Die bisherige Erklärung dafür steht auf wackligen Beinen.

Von Jens Eumann
erschienen am 06.06.2015

Kassel/München. Der ehemalige hessische Geheimdienstler Andreas T., der sich beim neunten und letzten NSU-Mord der sogenannten Ceska-Serie angeblich zufällig am Tatort befand, muss erneut im Münchner Prozess aussagen. Der Grund sind Spuren, auf die das Gericht erst aufmerksam wurde, nachdem man den schon fünfmal vernommenen V-Mann-Führer bereits als Zeugen entlassen hatte.

Andreas T. soll zu einer Plastiktüte befragt werden, mit der ihn ein anderer Zeuge am Tattag das fragliche Kasseler Internetcafé hatte betreten sehen. T. behauptete bisher, er habe keine Tüte dabei gehabt. Relevanz hat die Frage, weil nach Erkenntnis der Ermittler die dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) zugeschriebenen Morde an ausländischstämmigen Kleinunternehmern mit einer schallgedämmten Pistole ausgeführt wurden, die zusätzlich von einer Tüte umhüllt war. Mutmaßlich versuchten die Täter so, Patronenhülsen aufzufangen, um diese nicht am Tatort zurückzulassen.

Eine weitere Spur ist ein Schmauchpartikel an einem Paar Handschuhe des Geheimdienstlers. Die grauen Lederhandschuhe hatte man 2006 bei T. als einstigem Verdächtigen im Kasseler Mordfall sichergestellt. Während die hessische Polizei die Spur als wichtig erachtete, wurden sie nach Rücksprache mit dem Bundeskriminalamt nicht weiterverfolgt. Das Argument lautete, Andreas T. sei Sportschütze, Schmauch an seiner Kleidung habe geringen Beweiswert. Allerdings ließ man außer Acht, dass besagte Schmauchspur eine unübliche chemische Zusammensetzung aufwies. Sie entsprach exakt der Treibladung der bei den Morden verwandten Munition eines tschechischen Herstellers. In T.'s Sportschützenverein gehörte diese Munition nach "Freie Presse"-Recherchen nicht zu den üblichen Munitionstypen.

Wie man mit der Schmauchspur aus den Altakten zum Mord an Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat verfahre, mochte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, gestern nicht einschätzen. Doch gehe man in "gesonderten Verfahren" weiterhin "allen Hinweisen und Spuren auf bislang unbekannte Mitglieder und Unterstützer" nach.

Vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse sollen jetzt auch frühere Geheimdienstkollegen T.s im Prozess befragt werden. Wie die Anwälte der Hinterbliebenen des Mordopfers Halit Yozgat argumentieren, offenbarte Andreas T. Tage nach dem Mord gegenüber einer Kollegin sogar Täterwissen. Er konnte die Tatwaffe den bundesweit geschehenen anderen Morden zuordnen, obwohl diese Übereinstimmung erst später öffentlich wurde.

 

 
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