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Globuli sind die häufigste Darreichungsform homöopathischer Arzneimittel.

Foto: Imago

Homöopathie - "Ein Konzept ohne Wissenschaft"

Einspruch - Standpunkte zum Streiten. Unter diesem Motto veröffentlicht die "Freie Presse" hier einen Gastbeitrag des Arztes Jan Oude-Aost. Er ist der Meinung: Homöopathie & Co. wirken nicht.

erschienen am 08.04.2015

Alternativmedizin gilt vielen Menschen als "sanfte" Möglichkeit, gesund zu werden oder zu bleiben. Alternativmedizin ist jedoch in erster Linie ein Marketingbegriff. Der Begriff ist offen für jeden, der sich ihn zu eigen macht. Vitalistische Methoden wie die Homöopathie oder spirituell begründete Verfahren wie Geistheilung werden ebenso als Alternativmedizin bezeichnet, wie von beinahe jedem Arzt empfohlene präventive Maßnahmen wie Bewegung oder eine ausgewogene Ernährung.

Methoden der Alternativmedizin bedienen die Weltanschauung einer bestimmten Zielgruppe und damit ein Marktsegment. Bei der Wahl der alternativmedizinischen Methode ist für jeden etwas dabei. Viele Anhänger einer alternativmedizinischen Methode kennen wahrscheinlich mindestens einen Anhänger einer anderen Methode, die sie selbst für unsinnig halten. Überzeugt sind jedoch beide. Dabei ist Homöopathie ein naturwissenschaftlich genauso unmögliches Konzept wie Geistheilung. Trotzdem ist Homöopathie weitgehend akzeptiert, Geistheilung gehört jedoch eher zu den Exoten.

Homöopathie ist das Paradebeispiel einer alternativmedizinischen Methode. Weil kein oder fast kein aktiver Wirkstoff enthalten ist, hat Homöopathie keine Nebenwirkungen und ist unwirksam. Vom ersten Doppelblindversuch 1835 bis heute liefern Studien solide Hinweise, dass Homöopathie ausschließlich über Kontexteffekte wirkt. Damit ist unter anderem gemeint, dass sich jemand Zeit nimmt und eine vertrauensvolle Umgebung schafft, kurz: das therapeutische Ritual. Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Homöopathie, ähnlich verhält es sich mit Methoden wie Akupunktur, Osteopathie, Irisdiagnostik oder Geistheilung, um nur die wenigsten zu nennen. Viele alternativmedizinische Konzepte stammen aus einer Zeit, als das medizinische Wissen nicht nur begrenzt, sondern weitgehend falsch war.

Als die Homöopathie vor 200 Jahren das Licht der Welt erblickte, war auch der Aderlass eine unter Ärzten beliebte "Therapie". Bakterien und Viren als Krankheitserreger waren unbekannt. Der Aderlass, der viele Menschen das Leben gekostet hat, ist heute aus der Medizin fast verschwunden. Auch die Säftelehre, die dem Aderlass seine theoretische Grundlage gab, ist widerlegt. Der bestausgebildete Arzt der damaligen Zeit würde heute durch jede medizinische Prüfung fallen. Ein damals ausgebildeter Homöopath hingegen hätte gute Chancen, eine aktuelle Homöopathieprüfung zu bestehen. Auch viele andere alternativmedizinische Konzepte halten sich, teils mit modernem Anstrich, bis heute erfolgreich auf dem Markt.

Ein zentraler Unterschied zwischen Medizin und Alternativmedizin ist die Möglichkeit, die Praxis an neue Daten anzupassen. Die Behandlung des Magengeschwürs hat sich innerhalb der letzten 25 Jahre grundlegend geändert. Alternativmedizin verändert sich kaum, Homöopathie ist seit 200 Jahren unverändert. Bis 1989 galten Magengeschwüre als überwiegend psychosomatisches Geschehen. Dann gelang es John Warren und Barry Marshall, nachzuweisen, dass die meisten Magengeschwüre ursächlich durch das Bakterium Helicobacter pylori (HP) hervorgerufen werden. Dafür erhielten beide 2005 den Nobelpreis in Physiologie und Medizin. Aus einer psychosomatischen Erkrankung, die teilweise chirurgisch behandelt werden musste, wurde eine relativ einfach zu behandelnde Infektionskrankheit. Mittlerweile wird an einer HP-Impfung geforscht.

Trotzdem machen sowohl Anbieter als auch Anwender mit der Anwendung dieser alternativen Behandlungskonzepte gute Erfahrungen, obwohl viele nicht funktionieren können. In vielen Fällen ist sogar bekannt, warum sie nicht funktionieren können. Die Prinzipien der Homöopathie beispielsweise stehen Wissen aus der Physik, Chemie und Biologie zum Großteil entgegen. Auch in Experimenten mit Zellen, Pflanzen und Tieren lässt sich keine Wirksamkeit der Homöopathie nachweisen. Einzelne Studien, die positiv ausfallen, lassen sich nicht wiederholen. Ein wichtiger Schritt, um zu überprüfen, ob Ergebnisse zufällig entstanden sind oder der Realität entsprechen. Dieses Schicksal teilt sie mit der überwiegenden Zahl alternativmedizinischer Methoden. Die Studienlage hat in der Alternativmedizin keinen Einfluss auf die Praxis. Weder in der Homöopathie noch in der Geistheilung oder der Akupunktur. Es gibt jedoch außer Wissenschaft keinen anderen rationalen Maßstab, um die Grenze zwischen wirksamen und unwirksamen Methoden zu unterscheiden. Wissenschaftsbasierte Mediziner ziehen die Grenze nicht selbst, sie richten sich nach der Datenlage. Das ist nicht nur verlässlich und überall auf der Welt gleich, es ist auch transparent. Für informierte Patienten ist Transparenz essenziell.

Trotzdem scheinen viele Menschen das Gefühl zu haben, bestimmte Methoden dienten ihrer Gesundheit. Sonst würden diese ja nicht benutzt.

Warum zu helfen scheint, was nicht helfen kann, hat viele Ursachen, die hier nur angerissen werden können. Dabei ist Medizinern klar, dass dieselben Mechanismen in jeder medizinischen Behandlung zum Tragen kommen. Am häufigsten werden Placeboeffekte genannt und ebensohäufig missverstanden. Placeboeffekte sind real und haben mit Einbildung nichts zu tun. Doch ihre Wirkung ist begrenzt, sie können die Symptome zum Teil bekämpfen, in der Regel jedoch nicht die Ursache einer Erkrankung. Und sie setzen Vertrauen voraus, in die Therapie und die Behandelnden. Es spricht nichts gegen eine Therapie auf Placebo-Niveau. Es spricht jedoch etwas dagegen zu behaupten, eine Placebo-Therapie könne mehr. Die beste Medizin kombiniert die spezifische Wirkung einer Therapie mit Placeboeffekten. Die meisten Methoden der sogenannten Alternativmedizin haben nicht mehr zu bieten als Placeboeffekte. Auch der natürliche Verlauf einer Erkrankung kann eine Therapie wirksam erscheinen lassen. Viele Erkrankungen verschwinden von alleine. Wer mit Rückenschmerzen erfolglos zum Hausarzt, dann zum Orthopäden und zum Neurologen wandert, hat gute Chancen dass nach einem Wochenende beim "Schamanen" in der Schwitzhütte die Rückenschmerzen weg sind. Das hat dann aber nichts mit einer ominösen Entschlackung zu tun, sondern einfach mit dem natürlichen Verlauf einer Erkrankung.

Marketing hat bei der Entscheidung für eine medizinische Behandlung nichts verloren. Wenn es um "echte" Medikamente geht, ist das jedem klar. Seit Jahren werden Anstrengungen unternommen, den Einfluss der Marketingabteilungen großer Pharmakonzerne deutlich zu beschneiden. Ziel ist, zum Wohle der Patienten wissenschaftlich fundierte Entscheidungen zu treffen. Würden diese Anstrengungen auf die Alternativmedizin ausgedehnt, wäre klar: Der Kaiser ist nackt.

Privat
 

Jan Oude-Aost

Der Autor arbeitet nach der Ausbildung zum Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger und seinem Medizinstudium seit 2012 als Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der Homöopathie stand er lange positiv gegenüber, bis er sich durch die Arbeit in der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften näher damit beschäftigte.

 
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Kommentare
1
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 09.04.2015
    08:12 Uhr

    FPU29: "...den Einfluß...der Pharmakonzerne deutlich zu beschneiden..." - Von was träumt der Autor nachts? In der Ausgabe vom 1. April war wohl kein Platz mehr für diese Aussage?

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