Kultur

Das Herz aus dem Aschenbecher

Wie die Kult-Band Placebo für rund 10.000 Fans in der Leipzig-Arena einen magischen Abend schwer erkämpft


Leipzig . Über 50 Euro Eintritt - das sind rund 100 Westmark. Wenn man also mittlerweile schon für ein Rockkonzert sein ganzes Begrüßungsgeld durch das Guckloch eines Kassenhäuschens schieben muss, dann erwartet man auch eine ordentliche Show. Heißt bei den meisten Rockgruppen: Laser-Attacken, Videoleinwände, Aufblaspuppen, Feuer und Schwert!

Bei der britischen Superband Placebo besteht aber die Show im Wesentlichen aus Songs, gepaart mit der Ausstrahlung und der Wunderstimme von Frontmann Brian Molko. Den ganzen Videolaserwackellampen-Firlefanz hatte die Band zwar auch dabei zu ihrem Konzert am Samstagabend in der Arena Leipzig, geht ja heutzutage nicht anders. So richtig originell nutzte Placebo ihn aber nur in der Umbaupause vor dem Konzert - zu einem "Mini-Film-Festival", das die Wartezeit bis zur Molko-Erscheinung mit drei originellen Kurz-Streifen angenehm reduzierte.

Das Konzert selbst musste, und da ist der Nachteil eigentlich ein Vorteil, von den Liedern der Band leben. Brian Molko (Gitarre, Gesang), Stefan Olsdal (Bass, Gitarre) und Steven Forrest (Schlagzeug), verstärkt durch drei Gastmusiker, machen im Playback-und-Laptop-Zeitalter nicht nur jeden Ton noch selbst, sondern ändern ihre Hits gern auch stimmungsmäßig ab. Eigentlich genial - in Leipzig waren allerdings Grenzen dieses Konzeptes zu sehen. Videoleinwandunddingstralalla räumt man aus dem Laster, stopselt es zusammen, und alles ist super. Mit Atmosphäre klappt das leider nicht. Die Band war bis zur Hälfte des Konzertes irgendwie nur beruflich bei der Sache und schien keinen wirklichen Fluss zu finden. Seltsam: Kurz nach der letzten Sachsen-Visite im Sommer 2007 in der Jungen Garde Dresden war der alte Drummer Steve Hewitt aus der Band geflogen, weil er die gute Laune in der Band angeblich verdarb - und doch war Placebo damals ein unvergessliches Sinneskonzert gelungen. Am Samstag hämmerte der neue, überaus frische, kraftvolle und treibende kalifornische Punktrommler Steven Forrest zwar wie ein neues Herz in der Band (laut Molko hatte er die Arbeit am aktellen Album "Battle for the Sun" erst zum Genuss gemacht) - trotzdem wollte es lange nicht recht magisch werden.

An der Songauswahl lag es nicht. Zwar wird man bei einer Band, auf deren Alben man selbst als langjähriger Fan immer wieder Song-Perlen neu für sich entdecken kann, stets den einen oder anderen persönliche Favorit vermissen. Aber im Prinzip war es ein Genuss, fast sämtliche Stücke der aktuellen Platte so geschickt mit Hits wie "Bitter End" oder "Slave To The Wage" oder "Meds" oder "Every You Every Me" durchmischt serviert zu bekommen.

Warum nur wollte es also nicht vom Fleck weg zünden? Die Band mag es analysieren. Für den Hörer war entscheidend, dass das Wunder geschah, und zwar bei der Akustik-Version von "Because I Want You" ("statt Rock and Roll machen wir nun Rock and Schwuol", wie Herr Molko auf Deutsch plötzlich verkündetet): Plötzlich holte er sein Herz aus dem Aschenbecher, plötzlich fühlte er und lebte und litt und schwitzte und schrie in echt. Mitten ins Innere seiner Zuhörer. Mit den opulenten Zugaben-Blöcken war die Schlacht um die letzte Seele im Saal dann grandios gewonnen. Im Fußball nennt man das einen "Arbeitssieg" - in der Kunst ist sowas nur als ehrlicher Seelenstriptease zu haben. Und der ist mit Geld nicht zu bezahlen. Auch nicht mit Begrüßungsgeld...


Von Tim Hofmann

Erschienen am 23.11.2009

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
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