Kultur
Kopfhörer gegen das Vergessen
Einst lebten 5000 Jüdinnen und Juden in Dresden - Ein Stadtrundgang erinnert an Orte ihrer Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus
Dresden. Dass sich die Verfolgung und Vernichtung der Juden während des Nationalsozialismus nicht nur abseits des Alltags in den Vernichtungslagern abspielte, sondern mitten in der deutschen Gesellschaft, darauf weisen auch in Sachsen mittlerweile etliche Projekte der Geschichtsvermittlung hin. In Freiberg, Zwickau und Mittweida, in Dresden, Leipzig und Chemnitz finden sich im Straßenpflaster so genannte Stolpersteine, die an deportierte jüdische Nachbarn erinnern. In vielen Städten werden Führungen angeboten wie in Dresden eine Busfahrt des Staatsschauspiels mit Tagebuchtexten Victor Klemperers.
Ebenfalls in Dresden hat eine Gruppe von Studierenden und Absolventen verschiedener Fachrichtungen von Technischer Universität und Kunsthochschule einen Rundgang mit MP3-Spieler und Kopfhörer erarbeitet, der sich mit der, so der Titel des Audioguides, "Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Dresden 1933 bis 1945" beschäftigt. Die eingesprochenen Texte sollen, so die Veranstalter, die Erinnerung an das Leid gegenüber dem "hegemonialen Geschichtsdiskurs" stark machen. Gemeint ist die Zentrierung des Gedenkens in der Stadt auf die Bombennacht vom 13./14. Februar 1945.
Zwölf Jahre des Terrors
Dresden, soviel steht fest, war nicht nur das Ziel eines zerstörerischen, leidvollen Luftangriffs kurz vor Kriegsende. In den zwölf Jahren zuvor vollzogen sich dort wie in anderen deutschen Städten auch die systematische Entrechtung, Ausgrenzung, Ausplünderung und Ermordung von Jüdinnen und Juden. Etwa 5000 Mitglieder hatte Mitte der 1920er-Jahre die Dresdner jüdische Gemeinde. Verfolgt wurden außerdem Dresdner, die nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten als Juden eingestuft wurden. Hinzu kamen die über die Durchgangsbahnhöfe der Stadt in die Vernichtungslager Deportierten und jüdische Zwangsarbeiter aus ganz Europa in Dresdner Fabriken.
Unmittelbar mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 setzte in der Landes- und "Gauhauptstadt" die Verfolgung ein. Noch vor Verabschiedung entsprechender scheinlegaler Reichsgesetze wurden jüdische Landesbeamte und Bedienstete der Stadt entlassen, aus dem Amt geprügelt und verhaftet. Kampagnen, Ausstellungen und Vorträge machten Stimmung gegen "Rassenschänder" oder warben für die "Entjudung" etwa des Stadtteils Weißer Hirsch. Jüdische Nachbarn wurden entmietet und ihnen später Wohnungen in so genannten Judenhäusern zugewiesen. Deren Bewohner waren permanent den Übergriffen der Gestapo ausgesetzt und in der Logik der Vernichtung leichter für die ab Januar 1942 einsetzenden Deportationen ins besetzte Osteuropa zu erfassen.
Am 9./10. November 1938 hatten SA und NS-Parteigenossen jüdische Geschäfte geplündert und verwüstet, zwei Kaufhäuser und in der Zeughausstraße die Semper-Synagoge angezündet. Gemeindemitglieder wurden öffentlich gedemütigt, 151 von ihnen, darunter die Gemeindevorstände, in das Konzentrationslager Buchenwald, weitere nach Sachsenhausen deportiert.
"Mir wurde", so zitiert der Audioguide die Erinnerung des Dresdners Leo Jehuda Schornstein, "ein Gebetsmantel über den Kopf gestülpt, man gab mir zwei silberne Thorakronen in die Hand, schob mich an das zur Straße führende Fenster und ,schaukelte' mich mit Schlägen im Fenster hin und her, wobei die unten stehende Volksmenge in frenetisches Johlen ausbrach. Diese Prozedur musste ich noch auf einem Stuhl stehend mehrmals wiederholen, wobei sich der Mob auf der Straße noch mehr ergötzte."
Andere Sicht auf vertraute Orte
Ob Neue Synagoge, Brühlsche Terrasse oder Taschenbergpalais: Neben kaum bekannten exemplarischen Orten der Verfolgung im Stadtgebiet sind es gerade auch die Wahrzeichen Dresdner Bürgerstolzes, auf die der Rundgang mit Zeitzeugenerinnerungen, eigenen und zitierten Reflexionen untypische, ja konträre Sichtweisen eröffnet. An der Carolabrücke mit Altstadtblick etwa wird an die Häftlinge jener mindestens drei Todesmärsche erinnert, die in den letzten Kriegsmonaten 1945 vom Konzentrationslager Groß-Rosen in Schlesien und seinen Außenlagern durch Dresden Richtung Westen getrieben wurden.
"Als wir den Stadtrand von Dresden erreichten, hörten wir die Sirenen heulen", bringt der Audioguide die Erinnerung Gerda Kleins, die mit anderen Häftlingen eines Todesmarschs den Luftangriff vom 13. Februar erlebte. "Bald kreisten über uns am Himmel Hunderte von Flugzeugen. Wir standen auf einer Elbbrücke, während uns die SS vom Flussufer aus bewachte. Offenbar rechneten sie damit, dass die Brücke bombardiert würde, und hofften, uns auf diese Weise loszuwerden."
Das Bestreben, neben der Erinnerung an das Leid der Opfer ebenso Mechanismen der Verdrängung kenntlich zu machen, führt zuweilen auch zu plakativen, sehr didaktischen Textpassagen. Manchmal hätte man sich statt politischer Belehrung mehr lokale Präzision, konkrete Lebensgeschichten der Opfer gewünscht. Oft aber ist der Versuch anregend, nicht nur Geschichte zu vermitteln, sondern auch die Vermittlung selbst zu reflektieren, etwa wenn am Ort des früheren "Judenlagers Hellerberg", wo bis heute lediglich ein Plakat an einer nahegelegenen Bushaltestelle an die Geschichte des Ortes erinnert, auf die ambivalente, auch entlastende Funktion offizieller Gedenkorte hingewiesen wird. Das an Orte gebundene Erinnern sei wichtig, täusche aber allzu leicht über den umfassenden Charakter der Verfolgung hinweg.
In das Lager Hellerberg wurden im Winter 1942/43 die letzten 279 Dresdner Jüdinnen und Juden gebracht. Nur noch Juden in so genannten Mischehen und ihre Kinder waren in der Stadt in nunmehr acht von einst 32, nach anderen Quellen 37 Judenhäusern zurückgeblieben. Die Lagerhäftlinge mussten Zwangsarbeit im nahen Goehle-Werk der Zeiss Ikon AG leisten, bis sie am 27. Februar 1943 vor Arbeitsantritt verhaftet und das Lager zum Polizeigefängnis erklärt wurde. Auch jüdische Gefangene aus Erfurt, Halle, Leipzig, Plauen und Chemnitz wurden hierher verlegt. In den frühen Morgenstunden des 3. März 1943 wurden sie gemeinsam vom Güterbahnhof Neustadt aus in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.
Service
Der Audioguide umfasst zwölf Stationen und insgesamt ca. 3 Stunden Hörzeit. Er kann gegen Pfand im Stadtmuseum Dresden (dienstags bis sonntags 10-18 Uhr, freitags bis 19 Uhr) oder im Jüdischen Gemeindezentrum (montags bis donnerstags 10-18 Uhr, sonntags 12-18 Uhr) ausgeliehen werden. Außerdem stehen die MP3-Dateien im Internet bereit unter:
www.audioscript.net
Von Robert Schröpfer
Erschienen am 28.01.2010© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
weitere Meldungen:
Mother Africa - Circus der Sinne
Bei der neuen Show erwartet die Besucher wieder ein ...zum Ticket
Eine Schlemmerreise rund um Chemnitz
Unsere exklusiven Gastgeber aus der Chemnitzer Umgebung ...zum Artikel
Wissenswerte Informationen hier.
Übersicht
Drucken
Versenden
