Kultur
Mit schlechtem Geschmack zur guten Geschäftsidee
Schmierig, schrill, Hossa-Parolen: Millionen Klicks im Internet brachten dem Schlager-Parodisten Alexander Marcus einen Plattenvertrag
Dresden. Die rosa-farbene Hose und die Slipper sind sein Markenzeichen. Die Gel-Haare trägt er nach hinten gestriegelt, seiner Vorliebe für schrille Uniformen lässt er oft und gerne freien Lauf. Als er mit typisch schmieriger Optik nach langem Warten endlich auf der Bühne auftaucht, gibt es beim gut gelaunten Publikum im Dresdner Event-Werk kein Halten mehr. Der Beat von seinem Song "Guten Morgen" wummert aus den Boxen, und Alexander Marcus schmettert in bester Schlager-Manier: "Heute ist ein schöner Tag, wir hauen uns auf die Schenkel, alle Mann zusammen!" Wenig später folgt auch sein Szene-Hit "Papaya" und der Titel-Song seines zweiten Albums "Mega".
Zugegeben: Eine große Portion schlechten Geschmacks muss man schon ertragen können, will man sich auf die "Electrolore" einlassen. Dieser eigens kreierte Musik-Stil ist ein Mix aus Techno-Musik, grenzdebilen Texten und an den volkstümlichen Schlager angelehnten Melodien. So entsteht eine Parodie auf alle denkbaren Musikantenstadl-Klischees, die schnell den einen oder anderen Lacher provoziert.
Vor allem aber muss man sich beim Genuss der Videos auf dem Internet-Videoportal Youtube auf eines einstellen: Fremdscham. Denn die Performances von Alexander Marcus wirken bisweilen so peinlich, dass sie schon wieder "cool" sind. Aus dem Alltag ausbrechen und sich zusammen mit dem Meister zum Deppen zu machen - vermutlich war es diese Sehnsucht, die viele Hunderte Besucher zu Alexander Marcus und seinem einzigen Tourstopp in Sachsen lockte.
Der Sänger bewies mit seiner Masche nicht nur klugen Geschäftssinn: Alle Songs sind von ihm höchstpersönlich produziert, und würde man von den Stücken den Gesang entfernen, blieben lupenreine Club-Tracks übrig. Auch die Tanzeinlagen auf der Bühne zeugen von Witz und Talent. Ob man ihn nun für einen singenden Comedian oder schlicht einen "Rampensau"-Musikanten hält, ist jedem je nach Geschmack und Verstand selbst überlassen. Zumindest aber geht das Konzept aus einfachen Party-Phrasen und schriller Optik auf: Schnell erwischt man sich dabei, dass man hemmungslos im Beat zappelt und die schnell erlernbaren Hossa-Parolen mitgrölt. Hat man vorher noch den "Homo Dance" einstudiert, darf man sich als fortgeschrittener Fan bezeichnen. Den Ritterschlag erhält, wer in der ersten Reihe steht und Marcus' Maskottchen "Globi" berühren darf, das der Meister wie einen heiligen Gral umherreicht.
Vergleiche zu anderen Schlager-Paradiesvögeln liegen nahe - während ein Guildo Horn jedoch zu seiner schrulligen Art steht und authentisch bleibt, ist "Alexander Marcus" lediglich eine Kunstfigur. In seinem Theaterstück bleibt er bis zum Schluss in seiner Rolle. Sämtliche Journalisten beißen sich regelmäßig die Zähne aus, Fakten aus dem echten Leben des 30-jährigen Felix Rennefeld zu erfahren. So wird er in Interviews nicht müde, seine fiktive Biographie zu erzählen: Dass er auf dem Land aufgewachsen und Mitglied in der Volkstanzgruppe "Edleweißchen" gewesen sei, und als Erwachsener bei einem Amerika-Aufenthalt dann die Club-Musik entdeckte.
Der große Youtube-Erfolg mit mehreren Millionen Klicks pro Song brachte Rennefeld alias Alexander Marcus einen Vertrag mit dem Label Kontor ein. Von nun an ließ sich das Phänomen nicht mehr bremsen: Das Debüt-Album "Electrolore" chartete, es folgten Kollaborationen mit dem Berliner Rapper Frauenarzt und der Techno-Kombo Scooter. Und allen Unkenrufen zum Trotz bewies auch das Dresdner Konzert, dass Alexander Marcus den Status einer Internet-Eintagsfliege längst überdauert hat...
Von Sebastian Steger
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