Kultur

Eine entwaffnende Frau

Baroness Rendell of Babergh - die Queen des Kriminalromans wird heute 80 Jahre alt


London. Die Geschichte beginnt so: Der 13. Mai ist ein Unglückstag. Zumindest für Sergeant Martin, der eine Revolverkopie in der Schultasche seines Sohnes findet. Eine Stunde später wird der Polizist in einen Banküberfall verwickelt werden und zu Tode kommen. Und die Autorin schreibt: "Das war das erste Glied in einer Kette von Ereignissen, die schließlich dazu führen sollte, dass fünf Menschen ums Leben kamen". So beginnt also der Krimi, in welchem Inspektor Wexford den Fall zu klären hat.

Es ist der 16. Kriminalroman von Ruth Rendell und ihres Ermittlers Wexford aus dem kleinen Städtchen Kingsmarkham, mittlerweile sind es 21 Bücher geworden. Den Titel "Eine entwaffende Frau" trägt nicht nur dieses Buch, sondern es ist auch ein Titel für die Autorin selbst. Und da ihr die Wexford-Serie nicht reichte, hat die Britin zwei Dutzend Non-Wexfords geschrieben und unter dem Pseudonym Barbara Vine etliche weitere Psychothriller.

Sie, die heut vor 80 Jahren zur Welt kam, ist eine weibliche Simenon, vielleicht, aber sie ist auch ganz der englischen Tradition verhaftet. Sie ist die Queen des klassischen englischen Kriminalromans, wenn ihr der Thron auch ein wenig von ihrer Freundin P. D. James streitig gemacht wird. Woran liegt es, dass in England freundlich lächelnde Damen mit Mord und Totschlag operieren? Agatha Christie, Dorothy Sayers, P. D. James und eben Ruth Rendell, sie allesamt besiedeln die literarische Mörderlandschaft.

Sind Frauen begabter für den Mord auf Papier? Können sie hier ihre logischen und psychologischen Fähigkeiten ausleben, die ihnen von der Männerwelt so gern abgesprochen werden? Es scheint so, der Erfolg jedenfalls gibt ihnen Recht, denn sie alle sind Bestsellerautorinnen, Auflagen-Millionärinnen.

Bei Ruth Rendell verknüpft sich die klassische Krimitradition - es ist ein Mord geschehen, der Detektiv sucht den Mörder - mit der psychologischen und sozialen Erkundung der Mordmotive. Der Psychothriller, also die Geschichte, die zwischen Normalität und Abnormität pendelt, hat hier seine Meisterin gefunden. Bestes und bekanntestes Beispiel dafür ist der Non-Wexford "Dämon hinter Spitzenstores", eine hindergründig-amüsante Geschichte, für welche sie 1976 den Gold Dagger bekam, die höchste Auszeichnung für Kriminalromane im englischsprachigen Raum. Weitere gewichtige Preise folgten.

Etliche ihrer Bücher wurden verfilmt (unter andrem von Claude Chabrol) und ganze Fernsehserien leben von ihren Geschichten. 1997 wurde sie, wie ihre Kollegin P. D. James auch, von Königin Elisabeth II. geadelt: Baroness Rendell of Babergh darf sie sich nennen, und sie sitzt für die Labour Party im Oberhaus. Kann man sich vorstellen, dass in Deutschland ein Kriminalromanautor Freiherr würde, wenn dies möglich wäre, oder das Bundesverdienstkreuz für seine unterhaltungs- und Mörderkunst bekäme? Aber die Rendell hat auch bei uns ihren Adel: Den Adel von Hunderttausenden gelesen zu werden.

Buchtipp

Ruth Rendell: Ein Ende mit Tränen - ein Inspector-Wexford-Roman. Blanvalet Verlag. 384 Seiten. 19,95 Euro. ISBN-10: 376450 2673 (ab Juli als Taschenbuch erhältlich).


Von Klaus Walther

Erschienen am 17.02.2010

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
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