Kultur

Der Mensch sucht - ständig und überall

Zum Auftakt der 19. Tage der jüdischen Kultur begeistert das Chemnitzer Ballett mit dem Tanzabend "Kaddish/Serenade" von Lode Devos


Chemnitz. Das ist schwere Kost, das macht betroffen. Es geht um von Sehnsucht und Verlangen getriebene Gefühle, aber auch um die Furcht vor dem Alleinsein, die Angst vor dem Tod, die Zweifel an dem Sein und an dem Göttlichen an sich. Mal streifen betont sinnliche, fast schon erotische Bilder die Seele, im nächsten Moment sind es brutale und aggressive Konfrontationen, die den Menschen auf seine niederen Unzulänglichkeiten reduzieren.

Kein Zweifel: Seichte und freudige Stimmungen verbreitende Unterhaltung ist es nicht, was Lode Devos bei der Choreografie seines Tanzabends "Kaddish/Serenade" im Sinn hatte. Im Gegenteil: Der Chemnitzer Ballettchef wagt hier den Schritt zum dramatischen Tanztheater, das als Vokabular für die Bewegungen nur noch die Sprache des Körpers in seiner elementaren und von stilisierten Vorgaben befreiten Form akzeptiert. Dem Publikum bei der Premiere hat das gefallen, mit Beifall hat es am Ende nicht gegeizt.

Lode Devos will das vordergründig Bildhafte, die szenische Verdichtung. Mag die Aussagekraft einzelner technischer Komponenten bei ihm auch eher abstrakt sein, die Botschaft von Schritten und Figuren sich in imaginären Andeutungen verlieren - dem Zuschauer präsentiert sich doch stets eine in sich geschlossene optische Gefühlswelt. Die programmatische Tiefe der Musik von Leonard Bernstein ist geradezu ideal, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Lode Devos weiß das, und er genießt es.

Seiner "Serenade" hat Bernstein das "Symposium über die Liebe" von Platon zu Grunde gelegt. Wie soll man es anders formulieren: Der Choreograf ist hier ganz in seinem Element, alle Facetten dieses Themas in getanzte Bewegung umzusetzen. Die Frage nach einem Stil kümmert ihn ebenso wenig wie der philosophische Ansatz. Lode Devos will die Realität, das nackte Leben und die Liebe, wie sie sein kann: brutal in der Eifersucht, beklemmend und deprimierend in der Enttäuschung, verwirrend bei der Wahl des richtigen Geschlechts. Seine Antwort: Nur die Leidenschaft ist wirklich authentisch.

Bernsteins dritte Sinfonie trägt den Titel "Kaddish", und der programmatische Duktus dieser Komposition entspricht ganz diesem Gebet - er ist ein zutiefst religiöser. Lode Devos sucht einen Ansatz, ohne melodramatisches Abgleiten diese ergreifende Zwiesprache mit Gott in Tanz umzusetzen, die richtigen Bilder zu gestalten. Und es gelingt ihm auf eine düstere, aber packende Art und Weise. Dieser Tanz ist genauso ehrfurchtsvoll wie ehrlich, er ist zutiefst menschlich.

Für beide Choreografien gilt: José A. Pelejero Pastor (alias "Katxua") hat dazu Bühnenbilder geschaffen, die tatsächlich etwas aussagen und nicht nur Staffage sind. Die Kombination aus filigranen Hochstühlen und schiefen Ebenen zum einen, die riesige Mauer für ein ständiges klagendes Anrennen zum anderen schaffen eine echte Atmosphäre, die Stimmung erzeugt. Die von Christiane Devos entworfenen Kostüme haben hier eine sinnliche Note, dort eine martialische - das passt.

Für die Tänzerinnen und Tänzer ist diese expressive Dichte kein Alltagsgeschäft, sie müssen sie erst erkunden, dann ausfüllen. Manchmal merkt man das in der Feinabstimmung mehr, manchmal weniger, wenn das Tempo anzieht. Doch die Begeisterung für diese Art des Tanzens ist ansteckend. Die Botschaft kommt an, sie geht unter die Haut.

Service

Weitere Vorstellungen gibt es am 25. Februar, 19.30 Uhr und am 7. März, 15 Uhr. Kartentelefon: 0371/4000430.


Von Reinhard Oldeweme

Erschienen am 22.02.2010

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
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