Kultur

Wut in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen

Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt widmet sich dem Gefühlsausbruch


Foto: ddp

Berlin (ddp-bln). Als Jugendliche im Herbst 2005 in der Pariser Banlieue Autos anzündeten und Steine auf Polizisten warfen, stand dahinter keine pointierte politische Forderung. Ihre Wut äußerte sich mit voller Wucht, blieb aber unartikuliert. Anders die gewalttätigen Proteste im Sommer vergangenen Jahres im Iran. Die Bevölkerung ging für die Annullierung der Präsidentschaftswahlen auf die Straße, ihr Wutausbruch hatte ein klares Ziel. Wut, eine der heftigsten menschlichen Emotionen, kann unterschiedliche Formen und Ausdrucksweisen finden. Das Berliner Haus der Kulturen der Welt widmet diesem Phänomen ab Samstag (13. März) eine Ausstellung.

"Über Wut/On Rage" stellt die oft impulsive und aggressive Emotion in den Kontext politischer und ökonomischer Ausnahmezustände. "Es geht um die Momente, in denen Wut das Versagen diplomatischer Mittel bezeugt, die Verhandlungen scheitern", sagte Kuratorin Valerie Smith am Donnerstag in Berlin. Protest, ob organisiert oder nicht, sei ein Zeichen der Zeit, allgegenwärtig und doch kaum greifbar. Die Ausstellung versuche, dem sich weltweit entladenden Zorn ein Gesicht zu geben, vom Destruktiven Abstand zu nehmen, um daraus eine positive Sicht zu gewinnen.

Neun Künstler und Künstlergruppen nähern sich dem Thema in abstrakter Weise. Sie formulieren ihre Statements über Zeichnungen, Installationen und Happenings, die dem Zuschauer viel Raum für Assoziationen lassen. Beim Betreten der Ausstellungshalle fällt das Auge des Besuchers auf einen braunen, flachen Ledersessel, daneben zwei kleine Hocker. Die Bedeutung der Möbel wird erst im Zusammenhang mit einem darüber befestigten Bildschirm deutlich, der großflächig die Extraktion von Zahngold zeigt. "Looting" heißt das Werk der südamerikanischen Künstlerin Regina José Galindo, das an koloniale Ausbeutung und deutsche Vernichtungslager während des Zweiten Weltkrieges erinnern soll.

Ein dunkelgrau bemalter viereckiger Kasten greift Tadeusz Kantors (1915-1990) Kritik an der Gesellschaft während des Kalten Krieges auf. Die Installation nach dem Stück "Die tote Klasse" des polnischen Theatermacher ist erstmals in Berlin zu sehen. Der Besucher nimmt an der Inszenierung als Voyeur teil, der durch verstaubte Fenster in den Innenraum des dunklen Kastens schaut: Unter schwachem, düsterem Deckenlicht steht eine alte Tafel, davor eine graue Jungenpuppe auf einer Schulbank. Anstelle eines Sitznachbarn ist ein altes Holzkreuz angebracht. Der Junge wirkt durch seine Bemalung paradoxerweise wie ein Greis, die geballte Hoffnungslosigkeit der Installation hat nahezu etwas Bedrohliches.

Das Werk steht für eine kontrollierte, stille Wut, sagte Co-Kuratorin Susanne Stemmler. Der Rebell im grauen Jungen sei an sein Schweigen geknüpft. Kantor habe seinen Zorn an den "Rand der offiziellen Kultur" verbannt, um die oberste Ebene zu stören. Wut sei in der westlichen Welt lange Zeit eher kontrolliert denn reflektiert worden. Heute äußere sich Wut mehr unmittelbar und ziellos. An diesem Punkt wolle die Ausstellung ansetzen, sagte Stemmler. "Wir möchten wegkommen von der Deutung der Wut als etwas Destruktivem." Ziel sei es, innezuhalten, Abstand zu nehmen von der Wucht des Ausbruchs: "Wut als Mittel zur friedlichen Transformation vom Status Quo zur Revolution betrachten."

Komplementiert werden die Werke der neun Künstler, darunter die Schwedin Klara Lidén, der Amerikaner Michael Rakowitz und die aus Pakistan stammende Seher Shan, durch Lesungen, Filme und Diskussionspanel. Workshops bieten die Möglichkeit eigener kreativer Auseinandersetzung mit dem Thema. Am Ende der Ausstellungszeit soll ein "Wut-Gipfel" unterschiedliche Einsichten zusammenfassen und neue Denkprozesse anstoßen. Dazu inspiriert hat die Kuratorinnen eine These des Philosophen Peter Sloterdijk: "Dem Zorn unserer Tage fehlen die Sammelstellen, der Weltbezug, die einende Mission."

Die Ausstellung wird am Samstag (18.00 Uhr) eröffnet und ist bis 9. Mai zu sehen.

(ddp)


Erschienen am 11.03.2010

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