Kultur
Einer vom alten Schlag und Maßstab in allem, was Gesang heißt
Der Tenor Peter Schreier wird heute 75 Jahre alt - Große Erfolge auf den Bühnen und Konzertpodien in der ganzen Welt
Dresden. Maßstäbe für die Interpretation der Bachkantaten und -oratorien? Peter Schreier hat sie gesetzt. Die Tenorpartien in Mozarts Opern - Peter Schreiers sang sie von Dresden über Berlin bis Salzburg und zur Metropolitan mustergültig. Das Kunstlied - Schubert, Schumann und Brahms vornehmlich - hat mit Schreier eine neue Ära gefunden.
Kaum ein Sänger hat fast ein halbes Jahrhundert lang alle drei Bereiche der Gesangskunst auf so hohem Niveau beherrscht wie Schreier, der heute 75 Jahre alt wird. Alt wie die Bäume dort, wo er gleich in der Nähe, in Meißen, geboren wurde, wo er im Kreuzchor seine ersten solistischen Aufgaben erhielt, wo er lernte, studierte, sein erstes Engagement gleich an der Staatsoper bekam. Wo er zeitlebens blieb. In Dresden haben ihn Anfang diesen Jahres die Chirurgen aus einer lebensgefährlichen Situation gerettet, als sein Herz versagte.
Dort am Elbhang, wo er zu Hause ist und jetzt im Ruhestand lebt, ist seine Stimme verklungen, er verkündete, nicht einen Ton mehr zu singen.
Es ist nicht allein die Erinnerung an seine großen Erfolge auf den Bühnen und Konzertpodien der Welt - von 1970 an auch als sehr subtiler Dirigent - es ist sein Einfluss auf die Musikkultur, den eine große Verehrung lebendig erhält. Matthias Görne, einer der erfolgreichsten Lied- und Opernsänger, in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen, einst Preisträger des Robert-Schumann-Wettbewerbs Zwickau, er äußerte sich im Zusammenhang mit der Lied-Interpretation über Peter Schreier: "Wenn ich nur an seine Winterreise denke, die er mit Swjatoslaw Richter 1985 in der wiedereröffneten Semperoper gegeben hat: Diese Aufnahme wird immer erwähnenswert bleiben und immer auf Interesse stoßen. Sie ist ein Meilenstein in der Lied-Geschichte. Genauso so seine Bach-Interpretationen: Es gab vorher keinen Tenor, der das so überragend gestaltet hätte wie Schreier. Vielleicht wird es auch keinen mehr geben, der das mit dieser Vitalität und Musikalität, mit dieser Direktheit interpretieren kann. Das ist für mich das Nonplusultra."
Und wer hätte nicht - vornehmlich hier in Sachsen - seine persönlichen Schreier-Erinnerungen? Denn der Sänger, so sehr er gebunden und verpflichtet war in den Weltzentren der Musik, er vernachlässigte nie die Ehrerbietung gegenüber seinem Publikum daheim. Sollte ich von nicht wenigen Schreier-Erlebnissen das eindringlichste nennen - es ist sein Abend mit dem Schemelli-Gesangbuch von Bach in der Marienkirche Marienberg, Michael Schönheit spielte die Orgel. 1989, September, draußen zogen die Auto-Kolonnen in Richtung Ungarn, wenige Kilometer noch und es lag hinter den Flüchtenden, was Heimat hätte sein sollen. Und er sang. "Auf, auf! Die rechte Zeit ist hier..."
Peter Schreier ist einer vom alten Schlag, er hat sich nicht selber populär geredet und aufgeputzt, wie es Stars von heute tun und wahrscheinlich sogar tun müssen. Seine Größe als Interpret erwächst aus dem Phänomen der Stimme und aus persönlicher Lauterkeit: Er war immer das, was er sang.
Von Reinhold Lindner
Erschienen am 29.07.2010© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
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