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Alissa Walser schätzt die Kultur des Mate-Trinkens

Frankfurter Schriftstellerin lernte bei Austauschprojekt zur Buchmesse argentinische Gepflogenheiten kennen

Frankfurt/Main (dapd-hes). Alissa Walser spricht Deutsch, Englisch und Französisch, doch während ihres Stipendiums in Argentinien kam sich die Frankfurter Autorin manchmal sprachlos vor. "Im Bus von Buenos Aires nach Posadas traf ich einen jungen Mann, der konnte drei Sprachen: Spanisch, Portugiesisch und Guaraní", berichtet die Tochter des Schriftstellers Martin Walser. "So konnten wir uns nicht unterhalten." Guarani ist die Sprache des gleichnamigen indigenen Volks im Nordosten Argentiniens.

Knapp vier Wochen verbrachte die 49-Jährige in Südamerika, lernte ein paar Grundzüge des Spanischen. Zurück in Frankfurt, hat sie sich für einen Sprachkurs angemeldet. "Ich hoffe doch, dass es nicht meine letzte Reise nach Argentinien war", sagt sie.

Es war jedenfalls ihre erste Reise nach Südamerika. Weil Argentinien in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist, lud es in den zurückliegenden Monaten gemeinsam mit dem Goethe-Institut und den Literaturhäusern in den beteiligten Städten jeweils fünf Schriftsteller ins jeweils andere Land ein. Der Sinn des nach Julio Cortázars Roman benannten "Rayuela"-Projekts: Den interkulturellen Austausch fördern, vielleicht ungewöhnliche Ansichten auf im eigenen Land wohlbekannte Umstände sammeln. Pablo de Santis, Walsers Gegenbesuch, weilt bis zum Ende der Buchmesse in Frankfurt.

Zunächst bot das Mini-Stipendium für Alissa Walser selbst ganz neue Erfahrungen. "Sehr beeindruckend fand ich meinen Besuch im Regenwald", erzählt sie gut einen Monat nach ihrer Rückkehr. "Allerdings ist der atlantische Regenwald fast ganz abgeholzt worden für Mate-Plantagen oder Kiefernwälder." In einem Waldstück einer chilenischen Papierfabrik sah sie "Kiefern auf 100.000 Hektar wie Soldaten stehen", auf einer ehemaligen Mate-Plantage ein Wiederaufforstungsprojekt für den Regenwald, "das Chaos der Pflanzen dort".

Mate ist eine Art Tee und in Argentinien sehr beliebt. Bei der traditionallen Mate-Zeremonie trinken alle aus demselben Gefäß, für jede Person wird der Mate neu aufgegossen. Alissa Walser hat die Kultur des Mate-Trinkens schätzen gelernt. "Es geht weniger um das Getränk als darum, beim Trinken einander Geschichten zu erzählen. Schade, dass es etwas Vergleichbares hier nicht gibt." Sie lernte schnell, dass eine Deutsche den stark anregenden Mate nicht wie die Argentinier trinken kann, also auch spätabends.

Im Blog über ihren Aufenthalt in Argentinien schreibt Alissa Walser viel über eine 91-jährige Dame, deren Vater sich 1922 von Süddeutschland in die Provinz Misiones im Nordosten des südamerikanischen Landes aufmachte, um Mate anzubauen. Der Architekt landete in dem Dorf El Dorado. Seine Frau vertrug das schwüle Klima und die vielen Mücken schlecht, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vereitelte letztlich eine Rückkehr auf Dauer.

Walser hörte der älteren Dame begeistert zu. "Auswanderer aus Deutschland konnte ich schon immer gut verstehen", sagt sie. Die 91-Jährige wiederum war froh über die Gesellschaft. So sei das in Argentinien, sagt Walser: "Man kommt schnell ins Gespräch, die Leute sind sehr offen, es gibt immer jemanden, der jemanden kennt, der einem weiterhilft, und sei es bloß, dass er Deutsch spricht."

Nach einigen Theaterstücken und Bänden mit Erzählungen erschien von Alissa Walser in diesem Jahr ihr erster Roman "Am Anfang war die Nacht Musik". Sie berichtet, sie habe eine konkrete Idee für einen literarischen Text mit aus Argentinien genommen. "Die bedarf jedoch weiterer Recherche vor Ort und steckt jetzt erst einmal in meinem Zettelkasten", erzählt sie. Auch deshalb hat sie den Spanisch-Kurs belegt.

Alissa Walser verbrachte etwa ein Drittel ihrer Zeit in Argentinien in Buenos Aires, den Rest in der Provinz Misiones im tropischen Teil des Landes. In der Hauptstadt gebe es alles und jede Menge kultureller Angebote, im ländlichen Misiones sei das ganz anders. "Selbst Posadas, die Provinzhauptstadt, ist nicht urban, sehr grün und weitläufig." Auf ihrer Reise durch das Land merkte sie, "wie nahe beieinander extrem reiche und extrem arme Verhältnisse liegen". Auch daraus beziehe Argentinien seine Spannung. Und diese wird die Schriftstellerin für sich nutzen wollen, keine Frage.

dapd

 
erschienen am 29.09.2010
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