Auf der Suche nach der Kraft der Blumen
Das Sun Flower Festival in Freiberg will nichts mehr mit Hippies zu tun haben
Freiberg. Wild, unerschrocken, gegen das System und seine Regeln kämpfend - so kennt man sie, die Mitglieder der Flower-Power-Bewegung. In den 1960er-Jahren haben junge Leute auf der ganzen Welt angefangen, sich bunte Tücher um den Hals zu wickeln. Sie waren für Liebe, Frieden, Rock'n'Roll und gegen Spießbürgertum, Regeln an sich oder Krieg. Mit etwas Verspätung kam dieser Geist auch im sächsischen Freiberg an, wo 1996 zum ersten Mal das Flower Power Festival über die Bühne ging. Hier konnten Anzugträger einmal im Jahr ihren Krawatten entfliehen, brave Einzelhandelsverkäuferinnen wurden zu barfuß tanzenden Tagträumern. Über 3000 Menschen strömten zu den Glanzzeiten des Festivals auf die Wiesen vor den Toren der Bergstadt.
Tribut an die Gesellschaft
Auch am kommenden Wochenende ist dort wieder ein Festival geplant. Doch die Zeiten ändern sich. Heute steht mitten im großen Gemeinschaftszelt der Helfer ein Computer, an dem man via Facebook Grüße nach Hause schicken kann. Die jungen Menschen aus aller Herren Länder gehen kaum einen Schritt, ohne auf ihre Telefone mit Touchscreen zu blicken. Und in der sogenannten Dub & Space Station in einem der Zelte auf dem Festivalgelände steht am Wochenende eine Kopfhörer-Disko auf dem Programm. Das heißt, die Festival-Besucher können sich zu lauter Musik bewegen, während die Nachbarn nicht zu unchristlichen Zeiten mit wummernden Bässen geweckt werden - egal, aus welcher Richtung der Wind weht. Ein Tribut an die Regeln der spießigen Gesellschaft.
Doch nicht nur die elektronischen Hilfen verhindern mittlerweile, dass die Festivalbesucher drei Tage lang in ihre ganz eigene Welt abtauchen und den ach so kommerziellen Druck um sich herum vergessen. Auch die Veranstalter selbst reagieren schon seit einiger Zeit sehr gereizt, wenn man sie nach dem Geist der Hippie-Generation befragt. "Ich verstehe nicht, warum wir immer nur dazu etwas sagen müssen", sagt Organisator Stephan Kiehne, ein Mann der ersten Stunde, regelmäßig. "Wir wollen ein internationales Fest feiern. Keine Hippie-Fete." Nicht umsonst haben sie die Veranstaltung vor sechs Jahren in Sun Flower Festival umgetauft.
Das Anderssein als Anschauung
Von der Blume im Namen wollte man sich dann doch nicht komplett lösen. Nicht umsonst landet der Fan bei der Internetsuche nach "Flower Power Festival" mit dem ersten Treffer beim Sun Flower Festival. Was nichts anderes bedeutet, als dass es kaum vergleichbare Events gibt. Das Movida-Festival in Salzburg ist ähnlich gestrickt. Mit Workshops, außergewöhnlichen Bands und einer Silent Disco. Die Organisatoren in Österreich haben sich auf die Fahnen geschrieben, dass sie vom Charakter anderer Festivals abweichen wollen. Sie wollen nicht nur Fun bieten, sondern auch Inhalt vermitteln. So wie die in Freiberg. Und da ist sie auch: die Kraft der Blumen. Das Anderssein als Anschauung. Die Liebe, der Frieden. Diesen Geist verspürt man noch immer auf dem Sun Flower Festival. Selbst dann, wenn dort ein Computer mit Internetzugang steht. Den kann man auch barfuß bedienen ...
Service
Das Sun Flower Festival findet vom 29. bis 31. Juli in Freiberg statt. Über 80Bands werden auf fünf Bühnen auftreten, dazu gibt es zahlreiche internationale Workshops.