Der Londoner Pianist Neil Cowley ist ein begnadeter Geschichtenerzähler am Klavier. Der Auftritt seines Trios wurde am Sonntagabend im ausverkauften Chemnitzer Figurentheater frenetisch gefeiert. Der Londoner Pianist Neil Cowley ist ein begnadeter Geschichtenerzähler am Klavier. Der Auftritt seines Trios wurde am Sonntagabend im ausverkauften Chemnitzer Figurentheater frenetisch gefeiert.

Foto: Matthias Zwarg

Chemnitz: Gelungener Auftakt der Jazz-Your-Ass-Konzerte

Furioser Auftritt des preisgekrönten Neil-Cowley-Trios aus London

Chemnitz. Manchmal musste man am Sonntagabend Angst haben um das kleine Klavier auf der Bühne des Figurentheaters im Chemnitzer Schauspielhaus. Wenn Neil Cowley in Fahrt gerät, dann wankt das Instrument schon mal, aber es fällt nicht. Doch Geschwindigkeit ist erstens keine Hexerei und zweitens nicht alles, was die Qualität des Londoner Neil Cowley Trios ausmacht.

Die Briten sind bereits zum dritten Mal zu Gast in Chemnitz - "so oft waren wir in keiner anderen deutschen Stadt", schwärmt Cowley, "Chemnitz ist unser zweites Zuhause". Das ist vor allem ein Kompliment an das Chemnitzer Publikum, das seine Band wiederum begeistert feierte. Bis auf den letzten Platz war das kleine Theater ausverkauft - zur Freude der Organisatoren der Jazz-Your-Ass-Reihe, die damit zuversichtlich auf die nächsten Konzerte blicken können.

Pianist Neil Cowley, Bassist Rex Horan und Schlagzeuger Evan Jenkins sind ein eingespieltes Trio. Sie verstehen sich blind, füllen lustvoll die Lücken, die der jeweils andere lässt. "Wir lachen gern", erzählt Neil Cowley ganz freimütig, und er schreibe gern Stücke "über Menschen, die wir kennen". "Grey Hound" etwa über einen Freund, der eben "wie ein Grey Hound aussieht", oder "Gerald", der allein lebt, ein bisschen wie aus den 1970ern wirkt und der "positivste Mensch ist, den ich kenne", sagt Cowley.

Geschichten von nebenan

Seine Kompositionen sind kleine Geschichten über den Typen von nebenan, keine abgehobenen Selbstfindungstrips, eher Liebeserklärungen an das schöne, schwere Leben der "einfachen Leute", gewürzt mit einer gehörigen Portion britischen Humors. Besonders rührend: Die Ballade "Skies Are Rare" (Himmel sind selten - "keine Ahnung, warum die so heißt", lacht der Pianist) und eine wundervoll verspielte Hymne an seine vor fünf Jahren geborene Tochter Mathilda ("schöner deutscher Name, oder?"), die als Frühchen zur Welt kam und die ersten fünf Monate in "so einem Kunststoffkasten verbringen musste". Neben den Hochgeschwindigkeitspassagen hat Cowleys Spiel inzwischen auch mehr Tiefe bekommen - wild und zärtlich ist die Nacht, als ob sich über dem Klavier der Himmel öffnet und die Sterne sich in tausend Regentropfen spiegeln. Diese lebensbejahende Offenheit mag auch den Ausschlag dafür gegeben haben, dass das Neil Cowley Trio in diesem Jahr den Publikumspreis des britischen Radiosenders Jazz FM zugesprochen bekam - immerhin vor einem Weltstar wie dem Sänger Jamie Cullum. Das Trio verkörpert eine neue, jüngere Jazz-Generation - weniger introvertiert, weniger selbstzerstörerisch, auch Einflüssen aus Rock und Pop nicht abgeneigt.

Edle Streicheleinheiten

Auf diesen Spuren wandelt auch Son:Ja, eine neue und junge Chemnitzer Band, die den Abend eröffnete. Pianist Clemens Gutjahr, Carsten Kuniß (Bassgitarre) und Schlagzeuger Toni Müller spielen schon länger miteinander; jetzt ist Sängerin Konstanze Sonja Wolter hinzu gekommen. Das Quartett bewegt sich federleicht zwischen Jazz und Pop. Manchmal streicheln sie ihre Instrumente ganz sanft zu wortloser Stimmakrobatik der Sängerin, manchmal setzen sie selbstbewusste, kräftige Akzente, lassen Raum für inspirierte Improvisationen, nehmen sich auch mal zugunsten des anderen zurück, lassen melancholische wie ironische Passagen in ihrem Klanggewebe aufscheinen - wofür die variable und nuancenreiche Stimme der Sängerin bestens geeignet ist, die sowohl zart schmeichelnd, wie auch dunkel und geheimnisvoll oder frech und spritzig klingen kann. Son:Ja verteilt Streicheleinheiten - edel und viel versprechend, eine Bereicherung der Chemnitzer Jazzszene schon jetzt, die im "Theater als moralische Anstalt" ganz im Schillerschen Sinne bestens aufgehoben war - wie auch das Neil Cowley Trio, das sogar versprach, Chemnitz werde "unser nächstes Urlaubsziel" sein - sie haben eben britischen Humor.

 
erschienen am 12.03.2013 ( Von Matthias Zwarg )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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