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Großes Bling-Bling: Frau mit Statementkette.

Foto: Isabella Vosmikova/Getty Images

Dick ist schick!

Statementketten sind derzeit der Supertrumpf am Frauenhals: Groß, bunt und auffällig unterstreichen sie einerseits das Selbstbewusstsein, steuern andererseits aber auch sehr gezielt die Blicke!

Von Ulrike Abraham
erschienen am 10.07.2015

Bescheidenheit ist keine Zier: So genannte Statementketten sind längst kein Spleen hipper Modeblogger mehr: Selbst bei Top-Designern wie Vera Wang und Dolce & Gabbana stehen diese als Accessoires hoch im Kurs, und kaum ein Star wagt sich derzeit ohne großes Bling-Bling auf den roten Teppich. Selbst John Travolta.

Natürlich greift auch hier ein klassisches Phänomen der Modewelt. Kaum ist etwas richtig schwer angesagt, fragt man sich: Kann man das noch tragen? Das trifft auf Gewagtes wie die Riesen-Ketten umso mehr zu. Immerhin zeigt Google auf die Frage "Sind Statementketten noch in?" 430.000 Treffer. Wer so auffällig ist, muss sich solche Fragen wohl gefallen lassen. Und noch ein paar mehr.

Doch was genau zeichnet eine Statementkette nun eigentlich aus? Kurz und breit ist sie, Hauptsache auffällig: mit bunten Glasperlen, Strass, riesigen Blättern oder überdimensionierten Ornamenten. Ein modisches Ausrufezeichen - mit möglichst wenig Aufwand soll sie eine Wirkung beim Betrachter erzielen. Selbst modische Analphabeten können zu schwarzer Hose und schwarzem Oberteil eine große bunte Kette kombinieren. Die Ketten werten schlichte Outfits auf. Sollten sie zumindest. Die Betonung liegt hier auf schlicht. Dicke Kette zu auffälligem Oberteil wirkt schnell überladen.

Alles andere als überladen sind die Preise. Die Ketten gibt es in billig, für 20 Euro, und in teuer, für extravagante 1000 Euro mit echten Steinchen. Ein optischer Unterschied ist praktisch nicht vorhanden, also ist hier die Modeschmuck-Variante zu bevorzugen.

Wer sich über den Namen der Klunker wundert, ist damit nicht allein. Ein "Statement" ist laut Duden eine "öffentliche (politische) Erklärung". Synonyme wären Bekanntmachung, Botschaft, Mitteilung. Der Begriff geht zurück auf lateinisch "status" und bedeutet "Stand", "Zustand". Man trägt also (s)einen Zustand am Hals spazieren. Das Gegenteil wäre gewissermaßen das "Understatement", die bewusste Untertreibung, die vornehme Zurückhaltung. Die ist hier allerdings komplett unerwünscht. Alle Blicke auf sich ziehen - das gelingt dank Klunkerkette auch den Schüchternen.

Welche Meinung also soll hier geäußert werden? Sich zu schmücken ist ein Ur-Bedürfnis des Menschen und diente wohl auch dazu, den Status des Gegenübers zu erkennen. Aha! Damit haben wir den Bogen geschlossen. Ein eher schmuckloses Wesen ist der Mensch von Natur aus, im Vergleich zu den allermeisten Tieren vom Hirsch über den Buntbarsch bis zum Pfau. Deshalb brauchen wir etwas Ausstattung.

Diese macht uns besser erkennbar und zeigt die Zugehörigkeit zu einer sozialen Einheit. Das kann auf verschiedenen Ebenen geschehen, stellte Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858 bis 1918) fest. Schmuck in Form von "glänzenden Metallen und edlen Steinen" ist dabei laut Simmel nur die unindividuellste Möglichkeit, sich zu verzieren. Man kann ihn an- und ablegen, verleihen, wegwerfen. Das kann man gewiss auch mit Kleidung tun. Dennoch sind Kleidung und Haare Schmuck im physisch engeren Sinne, der gleichzeitig den Träger schützt und wärmt. Ganz eng beziehungsweise persönlich wird es bei den Hautbemalungen. Die haben wir bei den Naturvölkern abgeschaut. Tätowierungen sind schon bei unseren Vorfahren in der Steinzeit belegt.

Ein Tattoo ist in der Tat ein Statement. An exponierter Stelle getragen, sogar ein ziemlich offensichtliches, zum Beispiel: "Seht her, ich habe mich vor zehn Jahren sehr tiefgründig mit der chinesischen Kultur auseinander gesetzt. Diese Schriftzeichen stehen für Mut oder so. Da war sich der Tätowierer ganz sicher." Allerdings muss man ein Tattoo bekanntermaßen eine ganze Weile mit sich herumtragen. Die eigene Einstellung und damit die Botschaft, die man der Welt übermitteln will, kann sich jedoch im Laufe des Lebens wandeln.

 

Das ist sogar begrüßenswert, spricht es doch für eine - wie auch immer geartete - Weiterentwicklung. Was einem als Teenager weise vorkam, erscheint mit Mitte 30 vielleicht banal. Das kann man dann so stehen lassen und für den Rest seines Lebens unangenehme Fragen beantworten, oder man muss sich das Kunstwerk unter Schmerzen (teuer) entfernen lassen. Tattoos sind also was für Mutige, die sich ihrer Sache sicher sind. Nicht so die Statementkette. So mutig und individuell man sich vielleicht fühlt mit seiner aussagekräftigen Halskette: Auf einer Skala betrachtet ist sie doch nur die Weichei-Variante, der Welt eine Botschaft zu übermitteln. Abends kann man sie dann einfach wieder ablegen und, befreit von ihrem Gewicht, aufatmen.

Warum tragen wir Schmuck?

Schmuck richtet sich an ein Publikum. Soll heißen, die wenigsten tragen ihre Kette versteckt als Talisman unter dem Pullover. Selbst Intim-Piercings haben ihre Bühne.

Kultur ohne Schmuck ist gar nicht möglich. Oder umgekehrt: Schmuck ist erst aus der Kultivierung heraus entstanden, weil er Probleme löst, die ohne diese gar nicht vorhanden wären. Die Spezies Mensch ist aber nunmal chronisch mit sich unzufrieden und ständig darauf bedacht, sich in irgendeiner Weise zu verbessern. Wir sind bestrebt, uns abzuheben und so unserer eigenen Alltäglichkeit zu entfliehen, etwa durch Kleidung oder eben durch Schmuck. Sich zu schmücken ist so gesehen aber auch ein Ur-Bedürfnis des Menschen und diente wohl auch dazu, den Status des Gegenübers zu erkennen und ihn zum Beispiel als Häuptling und Medizinmann zu identifizieren. Halsketten waren schon bei unseren Vorfahren in der Steinzeit beliebt, davon zeugen Höhlenmalereien und Grabfunde.

Wir möchten also wahrgenommen werden - und dabei steuern, von wem und wie. Manchen Schmuck dürfen daher nur bestimmte Menschen sehen - anderer soll unsere Eigenschaften allen verraten. Der Online-Shop Dawanda etwa, in dem man selbst gemachten Schmuck kaufen und verkaufen kann, wirbt besonders mit seinen handgefertigten Unikaten: "Von aussagekräftig bis extravagant bieten dir Statementketten alles, was du brauchst, um dich von der Masse des Einheits-Schmucks abheben zu können, wenn du dir etwas Besonderes wünscht." Hauptsache, nicht so wie alle!

Diese Erkenntnis hatte auch schon der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858 bis 1918): "Der Mensch trägt Schmuck, um anderen zu gefallen. Nicht etwa aus Selbstlosigkeit, sondern um sich in der Anerkennung des Gegenübers zu sonnen und vielleicht sogar beneidet zu werden." Schmuck erweckt sinnliche Aufmerksamkeit und erweitert so die Persönlichkeit des Trägers. "Der Schmuck ist das schlechthin Egoistische, insofern er seinen Träger heraushebt, sein Selbstgefühl auf Kosten anderer trägt und mehrt." Glänzen auf Kosten anderer also - was wirft das für ein Licht auf den Träger? Unbewusst fasst die Hand beim Lesen von Simmels Ausführungen an die eigene Kette, die gleich noch etwas schwerer wiegt.

Der materielle Wert ergibt mit dem persönlichen dabei einen fließenden Übergang? Für Simmel ist der Diamant der Inbegriff von Schmuck. Er wirkt nicht durch Farbe, sondern ausschließlich durch seine Reinheit. Selbstlos leiht er dem Träger seine Strahlkraft. Von unseren Urahnen haben wir dagegen die Vorliebe für Muscheln, Bernstein oder Tierzähne übernommen. Da können wir heute dankbar sein für den Segen, den uns Plastikschmuck beschert hat. Coco Chanel sah das genauso und bekannte sich zum Modeschmuck: "Schmuck soll einen nicht wohlhabend erscheinen lassen, sondern schmücken. Deshalb habe ich immer gerne falschen Schmuck getragen." Dabei hätte sie sich Diamanten leisten können. So gesehen hat Modeschmuck die Welt zumindest ein wenig gerechter gemacht, denn den kann sich fast jeder leisten. Allerdings: Wenn über Schmuck die eigene Identität definiert werden soll, wie ist dann Modeschmuck zu bewerten? Billigteile also, die man vielleicht einen Sommer trägt und die danach out sind - oder auseinanderfallen. Wechselt man so sein Ich wie eine Kette? Die Frage muss offen bleiben. Es ist Zeit für eine Shopping-Tour.

Foto: www.jolie.de

Foto: www.jolie.de Bild 1 / 3

Wieviel muss man ausgeben?

Günstige Modeschmuck-Modelle mit Glassteinen, Plastikperlen oder Federn gibt es schon ab etwa 10 Euro zum Beispiel bei Handelsketten (sic!) wie Orsay, H&M oder Mango. Vorteil: Es ist kein Makel, Billigware zu tragen. Sondern eher cool, selbstbewusst und trotz Bling nicht so protzig. Und: Wenn das Schmuckstück nicht mehr gefällt, wird es einfach durchs nächste ersetzt!

Nach oben gibt es andererseits kaum Grenzen: Wer mag, kann auch mit bösartig teuren Designer-Varianten angeben. Dieser untertassengroße Anhänger plus Kette des Münchner Labels Cada zum Beispiel kostet 3650 Euro und ist eine Handarbeit aus Echtgold mit bunten Saphiren. Aber wenns doch schee macht...

Danke, Kette!

Über Perlenglanz als tollenKomplimentmagneten

Ich bin sehr spät auf den Zug aufgesprungen: Seit vier Wochen erst bereichern Riesenketten meine Garderobe. Selbstlos habe ich mir für die Recherche gleich drei Ketten zugelegt, der Abwechslung wegen. "Sind die nicht total 2012?", mögen da manche fragen. Ist mir egal. Ich find' sie klasse und trage sie fast täglich. Ich gebe zu, manchmal stört die auffällige Schönheit. Wenn ich renne, klingelt es wie tausend Glöckchen einer ganzen Schafherde. Beim Lesen zieht sie meinen gedankenschweren Kopf noch mehr nach unten. Im Freibad muss ich Angst haben, dass Sonne und Wasser ihr die (nicht echt) goldene Schönheit rauben. Ich mag sie trotzdem. Viele Komplimente hat sie mir beschert. "Neue Bluse?" , fragte mich neulich eine Freundin. Bewahre, ich hatte das olle weiße Ding nur mit einem bunten Glasperlenspiel aufgepeppt. Nur habe ich nicht das Gefühl, dass (m)ein Statement beim Empfänger ankommt. Nachvollziehbar, bin ich doch selbst nicht sicher, welche Botschaft ich eigentlich übermitteln möchte. Ich trage meine Ketten von Montag bis Freitag und auch am Wochenende. Wenn ich gut gelaunt bin und auch, wenn nicht. Das Statement meiner Kette in diesem Fall wäre dann wohl: "Egal, wie mürrisch du guckst, ich lenke die Aufmerksamkeit auf dein Dekolleté."

 
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