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Horst Bartnig - "80 Unterbrechungen in Schwarz und Weiß, 80 Streifen in 10 Farben" - in dem 13 mal 13 Zentimeter großen PC-Print auf Bütten von Horst Bartnig aus dem Jahr 2016 ist nichts dem Zufall überlassen.

Foto: Reproduktion/Horst Bartnig Foto: Matthias Zwarg

Die Freiheit im Konkreten

Horst Bartnig gehört zu den bedeutendsten konkreten Künstlern nicht nur Ost-Deutschlands. Eine Ausstellung in Berlin zeigt erstmals Arbeiten aus allen Schaffensphasen des 80-jährigen, der einst in Karl-Marx-Stadt für einen kleinen Skandal sorgte.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 18.01.2017

Berlin/Chemnitz. Seine Bilder wirken streng, aber nicht kalt, berechnet, aber nicht berechnend, konkret eben - und das sind sie auch. Aber sie sind viel mehr - so, wie Horst Bartnig viel mehr ist als ein "konkreter Künstler". Dass der 1936 in Militsch/Schlesien geborene Künstler überhaupt bekannt wurde, daran hat die einstige Karl-Marx-Städterin Clara Mosch ihren Anteil, die sich vor allem den Randbezirken der Kunst widmete. Thomas Ranft erinnert sich noch: "Wir haben seine Bilder damals als Zebrastreifen auf die Straße gelegt und uns mit unseren Vollbärten dazu gesetzt." Das war 1981, eine der ersten Einzelausstellungen Bartnigs, die einen kleinen Skandal auslöste.
Da hatte er sich in einem langen Prozess schon von der Natur und ihrem Abbild gelöst, das noch einen wesentlichen Teil seines Studiums der Bühnenmalerei an der Fachschule für Angewandte Kunst in Magdeburg ausgemacht hatte. In einem Gespräch mit dem Kunstwissenschaftler Matthias Flügge hatte Bartnig erklärt: "Die Ausbildung war sachlich, und eine wichtige Rolle spielte das Naturstudium. Durch dieses Naturstudium habe ich begonnen das anzuzweifeln, was man die persönliche Handschrift nennt. Ich gehöre ... zu den Leuten, die jeden Tag oder überhaupt das ganze Leben lang zweifeln an dem, was gemacht wird. Dazu trat dann der Zweifel am Gegenstand, daran, dass die Natur jahrtausendelang immer der Gegenstand der Kunst gewesen sein soll. So kam es zum Bruch, und die Arbeit wurde, von der Natur ausgehend, immer abstrakter."

Horst Bartnig - Konkreter Künstler

Foto: Matthias Zwarg

Der Weg Bartnigs begann mit einer reduzierten, gegenständlichen Malerei in den Nachkriegsjahren. Er malte etwa dunkle, graue Hinterhöfe mit schwarzen Löchern in den Mauern, die nur noch entfernt an Fenster erinnern. Er führte weiter zur konkreten Kunst ab den 1970er-Jahren. All das ist in der Ausstellung anlässlich seines 80. Geburtstages in der Achim-Freyer-Stiftung in Berlin sehr gut nachzuvollziehen. Für Freunde konkreter Kunst ist sie deshalb auch unbedingt einen Besuch wert, zumal kein größeres Museum seinen runden Geburtstag gewürdigt hat. Viele von Bartnigs Arbeiten wirken wie computersimulierte Grafiken. Tatsächlich gehörte er zu den ersten Künstlern in der DDR, die schon in den 1970er-Jahren mit Computerfachleuten zusammenarbeiteten. Bartnig hatte Interesse an variablen Systemen gefunden, die er auch wie schon damals bis heute mit dem Computer berechnet. Oder er diskutierte seine künstlerischen Ideen mit Physikern wie Reinhard Koch vom Kernforschungszentrum Rossendorf (ein bedeutender Förderer moderner Kunst), von denen er seine "Variationen" und "Unterbrechungen" (dies sind die Titel der beiden zentralen Werkkomplexe) prüfen ließ und die Ergebnisse in die künstlerische Arbeit übernahm.

So entstanden beeindruckende Serien von kleinen, farbigen Quadraten, die in stets neuer Anordnung ein großes Quadrat bilden, von parallelen Linien, Balken, die schwarz, weiß oder farbig unterbrochen werden, mit diesen Unterbrechungen aber wieder neue Muster bilden - sowohl zwei- als auch dreidimensional. All dies ohne metaphorischen Bezug zur Natur und zur Gegenständlichkeit, dennoch nicht ohne Bezug zum Leben, zur Welt. Sei es, dass die kunstvoll und exakt strukturierten Blätter und Leinwände im Auge des Betrachters optische Täuschungen hervorrufen, ihn so zwingen, genau hinzusehen; sei es, dass trotz aller an der Herstellung beteiligten Technik die Bilder sehr malerisch und damit menschlich wirken. Dies liegt auch daran, dass für Bartnig Farbe wichtiges Gestaltungselement ist, das seinen Arbeiten neben der reinen Form auch eine oft geradezu berührende Stimmung verleiht. Bartnigs Bilder schaffen eine mitunter schwer durchschaubare, stets aber faszinierende Ordnung, in der dennoch ungeheure Vielfalt und große, aber nicht maßlose Freiheit liegt - die dann doch wieder, wenn nicht Abbild, so doch Vorbild der wirklichen Welt sein kann.

Die Ausstellung "Horst Bartnig - Konkret. Arbeiten aus den Jahren 1960-2016" istnoch bis 26. März in der Galerie im Kunsthaus der Achim-Freyer-Stiftung Berlin zu sehen. Geöffnet ist sonntags 15 bis 18 Uhr. Am 26. Februar gibt es einen Vortrag mit Klangbeispielen von Günter Peters, früher Professor an der TU Chemnitz: "Konkreter Serialismus. Elektronische Musik zwischen Paris und Köln".

 
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