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Durch die Hölle ins Traumland

Ahmad Mesgarha ist einer der beliebtesten Darsteller am Staatsschauspiel in Dresden. Nun beschreibt der Mime erstmals, wie er seinen Kopf für die Kunst freibekommt - in einem Buch über das Laufen.

Von Gabriele Fleischer
erschienen am 20.04.2017

Dresden. Am Anfang waren ein Sturm und eine lange Straße, die Elli aus Alexander Wolkows "Der Zauber der Smaragdenstadt" geht. Diese Endlosigkeit liebte Ahmad Mesgarha schon als pummliges Kind, und sie begleitet ihn bis heute. Jetzt ist diese Liebe der Baustein für ein Buch geworden, ein kurzweiliger Bericht vom Lauf seines Lebens, der den Dresdner Schauspieler durch Island führte, 187 Kilometer, 7500 Höhenmeter. Ein Marathon als Geschenk zum 50. Geburtstag reichte Mesgarha nicht. Also machte er seinem Freund Fichte nach einer Premiere einen Vorschlag: sieben Tage, täglich rund 30 Kilometer über Lavagestein, Geröll, durch Bäche. "Was willst du denn auf Island?" fragte sein Gegenüber skeptisch. "Laufen." Klar, was sonst. Dass das der Titel für sein erstes Buch werden würde, wusste der elegant-lässige Mime des Staatsschauspiels vor fünf Jahren nicht, eines aber schon: "Vielleicht muss man manchmal etwas wagen. Ohne Versicherung. Damit man sich wieder spürt." So wurde aus dem Traum ein Plan - ohne Fichte, mit Volkmar und vier Reiseführern.

Am Sonntag hat das Buch Premiere im Kleinen Haus des Staatsschauspiels - mit Ahmad Mesgarha und dem Song zum Buch von Philipp Makolies: "Immer weiter". Genau dieses Gefühl beschreibt Mesgarha mit vielen Details, ohne Pathos und mit einem Schuss Selbstironie. Es ist die Leichtigkeit, die er auch mit ins Schauspielhaus nimmt, auf die Bühne, die ohne ihn nicht denkbar ist. Seit 1990 spielt er dort. Jede Rolle lebt er aus, egal ob als Mephisto, als Gespenst von Canterville, als Tellheim, bei Couplets von Otto Reutter oder als Othello, wo sein persischer Name Ahmad zum Symbol für das Fremde in Deutschland wird. Er träumt von Freiheit. So wie vor fast zehn Jahren, als er ans Krankenbett gefesselt, einen Traum hat: Er will laufen, schnell, schneller als andere. Und es geht bergan, nicht nur aus dem Elbtal hinauf in die Dresdner Heide, sondern bei den ersten Wettkämpfen, zehn Kilometer, Halbmarathon, Marathon, Etappenlauf, 72 Kilometer Rennsteiglauf.

"Träume es nicht, sei es" singt er 1993 voller Inbrunst als Frank N Furter in der "Rocky Horror Picture Show", vielleicht seine Paraderolle überhaupt. Ja, er träumt nicht nur, er ist es, bei dem die Rollen längst mit dem Training verschmelzen. Nein, er lerne seine Texte nicht bei seinen ausgedehnten Läufen, sagt er im Gespräch mit "Freie Presse". Aber er bekomme den Kopf frei für neue Ideen. Auch in Island, als er seine Erlebnisse Abend für Abend ins Smartphone tippt und in einen Blog setzt: "Erst was ich aufgeschrieben habe, habe ich auch erlebt." Als ein technischer Defekt seine Notizen verschwinden lässt, schreibt er alles noch einmal - aus dem Gedächtnis. Schöner und demütiger, weil der Schauspieler hinter der Natur zurücktritt. Auch hinter dem Hund Saumurr, der die Läufer begleitet und irgendwann zurückmuss. "Ich werde diesen Blick nie vergessen, als uns der Hund aus dem wegfahrenden Auto durch die Scheibe ansieht, traurig. Ihm sind Grenzen gesetzt, mir nicht - ob ich zur Probe renne, von Dresden nach Meißen oder durch Island." Vorbei an fauchenden Geysiren, nach faulen Eiern riechenden Quellen, stinkend wie ein Puma, aber glücklich und ehrfurchtsvoll. So sehr, dass ihm beim Anblick des Wasserfalls Gullfoses Tränen kommen.

Doch zur Demut gehört auch Disziplin. So sind Trainingspläne für Mesgarha steinerne Tafeln mit den zehn Geboten. Fünf, sechs Mal die Woche steht er sehr früh auf, um seine Runden zu laufen - 90 bis 100 Kilometer pro Woche. "Tempolauf oder Intervalltraining - das war hier die Frage" geht ihm als Polonius, erstochen von Hamlet, auf der Bühne durch den Kopf. Innehalten gilt nicht für Mesgarha, der zum Entspannen etappenweise pilgert, wenn Zeit ist. Von Sachsen bis Franken ist er schon gekommen. Irgendwann schafft er es bis Spanien. Immer ein paar Kilometer mehr - mit den nächsten Zielen vor Augen: Ein Abend für den Theaterkahn. "Ja Schatz" soll er heißen, mit Liedern von Bodo Wartke und eigenen Texten. Premiere ist am 23. Juni. Beleuchtet werden Liebe und Missverständnisse. Nicht die als Läufer. Da geht es Mesgarha um nichts mehr als um sein Selbstverständnis: Beim Oberelbemarathon am 30. April will er unter 3:30 Stunden bleiben und so seine persönliche Bestzeit knacken.

Irgendwann Afrika, Peru. Immer weiter, der Sucht und der Freiheit hinterher. Dass das bei allen Strapazen nicht unmöglich ist, beschreibt der berlinernde Sachse mit herrlichen Bildern. Man möchte gleich hin zur "Schwefelsymphonie für Schlamm und Orchester" mitten hinein in die Hölle Islands.

 
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