Ein hebräisches Puzzle

Jüdische Handschriften aus dem Mittelalter gibt es in Deutschland kaum noch. Nun sind Forscher einem Schatz auf der Spur.

Mainz. Sie liegen versteckt in den Archiven, eingeklemmt zwischen Büchern. Meist werden sie durch Zufall entdeckt: Mittelalterliche jüdische Handschriften aus vergilbtem Pergament, die - oft zerschnitten - zwischen 1500 und 1700 als Buchdeckel und als Bindematerial benutzt wurden. Der Mainzer Judaistikprofessor und evangelische Theologe Andreas Lehnardt spürt seit einigen Jahren gemeinsam mit einem kleinen Forscherteam in deutschen Bibliotheken und Archiven den Zeugnissen der jüdischen Kultur nach.

"Genizat Germania" heißt das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt, das zum Ziel hat, die in ganz Europa verstreuten Handschriftenfragmente zu sammeln, um eine "jüdische Bibliothek" des Mittelalters zu rekonstruieren. "Wir wollen das hebräische Puzzle zusammensetzen", sagt der 46-jährige Wissenschaftler. Die Handschriften gäben spannende Einblicke in das alltägliche Leben der Juden in jener Zeit.

Tausende Handschriften hatten mit der Erfindung des Buchdrucks um 1500 ihren Zweck verloren. Oft wurde nur das wertvolle Schreibmaterial Pergament wiederverwendet, indem die Tintenschrift "rasiert" wurde. Oder sie dienten zurechtgeschnitten als Bucheinbände oder Bindematerial für Buchrücken. Etliche Handschriften wurden auch zerstört, etwa bei judenfeindlichen Angriffen. Mitschuld an der Zerstörung der Handschriften treffe auch die Reformation, sagt Lehnardt. Die Luther-Anhänger lösten vielerorts die Klöster auf, "die Buchbestände wurden in alle Winde zerstreut". Zahlreiche Bibliotheken wurden geplündert und die Schriften ruiniert.

Mit den Handschriftenfragmenten werde nun eine bisher verborgene Wissensquelle über das aschkenasische, das mittel- und osteuropäische Judentum des Mittelalters, erstmals wissenschaftlich erschlossen, sagt Lehnardt. Der Gebrauch von biblischen Schriften, Bibel-Kommentaren, sowie Rechts- und Gebetsbüchern sage viel über Leben und Kultur der jüdischen Gemeinden aus. Mehr als 500 Fragmente - von großformatigen Pergamentbögen bis zu kleinen Schnipseln - haben die Forscher von der Johannes Gutenberg-Universität bisher gefunden.

Auch Dokumente wie Kaufverträge oder Hochzeitsurkunden in jüdischer Sprache erzählen, wie die Juden in der christlichen Mehrheitsgesellschaft des Mittelalters lebten. In Gebetsbüchern wird berichtet von Verfolgung und Pogromen, etwa während der Zeit der Kreuzzüge.

"Heute haben wir nur einen Bruchteil dessen, was es an jüdischen Handschriften gab", bilanziert Armin Schlechter, Leiter der Handschriftenabteilung der Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer. Nur drei Fragmente kann er vorzeigen. Erst die Humanisten des 16. Jahrhunderts hätten ein Bewusstsein für den antiquarischen Wert der alten Schriften entwickelt, so Schlechter. (epd)genizatgermania.uni-mainz.de

 
erschienen am 14.12.2011 ( Von Alexander Lang )
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