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In Dresden wird Gerhard Richters "Atlas" gezeigt

Vorlagensammlung und Kunstwerk zugleich

Dresden (dapd-lsc). Dicht aneinandergereiht hängen die in schlichte Rahmen gefassten Tafeln an den Wänden der Dresdner Kunsthalle im Lipsiusbau - 783 an der Zahl. Auf jeder Tafel sind eine ganze Reihe scheinbar willkürlich ausgewählter Motive aufgeklebt, die zusammen zu einer unüberschaubaren Bilderflut werden: uralte und neuere Familienfotos, banal wirkende Ausschnitte aus Illustrierten, Bilder aus Konzentrationslagern und von den brennenden Türmen des World Trade Center, Skizzen, Entwürfe und Tausende von Landschaftsaufnahmen.

Gesammelt hat die mehr als 15.000 Motive der Künstler Gerhard Richter, der am 9. Februar 80 Jahre alt wird. Die Staatlichen Kunstsammlungen in seiner Geburtsstadt Dresden (SKD) widmen ihm aus diesem Anlass eine Sonderausstellung der kompletten Sammlung, der Richter vor rund 40 Jahren den Titel "Atlas" gegeben hat.

Zu sehen sind zahlreiche Vorlagen für Richters spätere Werke: Fotos aus Familienalben verarbeitete er zu seinen berühmten, unscharf entfremdeten Schwarz-Weiß-Gemälden wie "Tante Marianne" oder "Onkel Rudi", auf dem einfachen Foto einer brennenden Kerze basiert ein Werk, das vor einigen Monaten bei einer Auktion in London knapp zwölf Millionen Euro einbrachte.

"Material gesammelt hat Gerhard Richter schon in den frühen 60ern, aber erst Ende der 60er hat er begonnen, es zu sichten, zu gruppieren und aufzukleben", sagt Dietmar Elger, der Leiter des bei den SKD angesiedelten Gerhard-Richter-Archivs, der die Ausstellung kuratiert hat. Aufgehört hat Richter damit bis heute nicht. Der Atlas sei noch immer ein "work in progress", ein unvollendetes Werk, erklärt Elger, und auf einige Motive habe der Künstler auch nach Jahrzehnten noch zurückgegriffen.

Gezeigt wurden Teile des "Atlas" erstmals 1971 in Essen. Das Museum Hedendaagse Kunst in Utrecht widmete der Sammlung 1972 eine eigene Ausstellung. Spätestens seitdem gilt der "Atlas" nicht nur als Materialsammlung, sondern als eigenständiges Werk und wurde Elger zufolge über ein Dutzend Mal ausgestellt.

Die Auswahl der Motive ist nur scheinbar willkürlich, wie Elger erklärt. Richter habe sich von unterschiedlichen inhaltlichen und formalen Interessen leiten lassen. Was etwa aus Richters Gemälden aus den 60er-Jahren, die auf Ausschnitten aus Illustrierten basieren, nicht hervorgeht, werde im Atlas deutlich: Sie zeigten zwar keine historisch bedeutsamen Ereignisse, sondern Privatpersonen. Hinter ihnen verbergen sich aber oft tragische Geschichten.

Tausende der Motive im "Atlas" hat Richter nie verwendet. Zu der Fülle an teils romantisch, teils beliebig wirkenden Landschaftsfotos schrieb er 1986: "Ich sehe unzählige Landschaften, fotografiere kaum eine von 100.000, male kaum eine von 100 fotografierten." Öffentlich spricht Richter nur sehr selten über seine Werke. Die Ausstellung in Dresden gibt deshalb einen ungewöhnlichen Einblick in seine Arbeitsweise. So ist etwa auf Skizzen zu sehen, dass er vor der Anfertigung der simpel wirkenden schwarz-rot-goldenen Farbtafeln für das Foyer des Berliner Reichstags zahlreiche Konzepte verworfen hat.

"Richter gibt uns hier eine Interpretation zu seinem Werk. Wenn man an den Rahmen entlang geht, versteht man Vieles", sagt Ulrich Bischoff, Direktor der Galerie Neue Meister der SKD, in der seit 2004 Werke von Richter dauerhaft ausgestellt sind. Es gebe wohl keinen Künstler, der nicht eine Pinnwand mit gesammelten Materialien habe - "aber nicht in dieser Systematik und Fülle". Diese hätten Richter die Freiheit eröffnet, immer wieder den Stil komplett zu wechseln. Eines zeige der "Atlas" dem Betrachter in besonderer Weise, so Bischoff: "Die Freiheit, die Kunst bedeutet, ist nur möglich, wenn man sie mit ungeheurer Disziplin vorbereitet."

dapd

 
erschienen am 03.02.2012
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