Flieger in Filzpantoffeln: Cäptain Chämnitz wacht über das Platten-Panorama seiner Heimatstadt.

Foto: Uwe Mann

Jede Stadt hat den Superhelden, den sie verdient - welchen braucht Chemnitz?

Comiczeichner Steven Graupner hat sich Gedanken gemacht

Chemnitz. Steven Graupner hat mit "Cäptain Chämnitz - Der demografische Wandler" einen satirischen Kommentar zur Überalterung seiner Heimatstadt geliefert. Ulrike Nimz sprach mit dem Comiczeichner über Senioren und Superkräfte, Chemnitzer Problemzonen und den Fluch der Funktionsbekleidung.

Freie Presse: Herr Graupner, wie alt sind Sie?

Steven Graupner: 41. Warum?

Freie Presse: Sie sind offenbar nicht gut zu sprechen auf Mitmenschen in gesetzterem Alter. In Ihrem Comic "Cäptain Chämnitz" will ein Superhelden-Rentner mit Duschvorhang-Cape für Ruhe in der Stadt sorgen und ist dabei so nützlich wie ein Kropf.

Rainer Neumann wohnt im Heckert-Gebiet. Er isst seine Bockwurst mit Kartoffelsalat, schaut mit seiner Frau fern. Für ihn ist die Welt in Ordnung. Bis ein Konzert der Band Kraftklub das magische Auge im Marx-Kopf aktiviert und ein Blitz den arglosen Rentner beim Sonnenbaden auf dem Neubau-Balkon trifft.

Freie Presse: Soweit die klassische Superhelden-Folklore: Ein Normalo bekommt durch ein unerhörtes Ereignis übermenschliche Kräfte.

Und die spannende Frage ist nun: Was fängt er damit an? Spiderman wurde von einer radioaktiven Spinne gebissen und konnte plötzlich die Wände hochkrabbeln. Herr Neumann kann fliegen und spürt fortan den Drang, gegen all den Wahnsinn vorzugehen, den er täglich auf Sachsenfernsehen sieht: Ruhestörung, Rumlungern, Skateboarder.

Freie Presse: Batman beschützt Gotham City vor dem Bösen, Superman wacht über Metropolis. Superhelden repräsentieren das, was "ihre" Stadt braucht. Braucht Chemnitz mehr Recht und Ordnung?

Nicht, wenn es nach mir geht. Aber Chemnitz ist ohne Zweifel eine Stadt, die einen Superhelden braucht. Einen, der alles bunt macht und die Straßen mit Menschen füllt, zum Beispiel. Aber das wäre zu erwartbar gewesen. Also habe ich mir überlegt, eher einen Helden mit klassischer Mission zu schaffen - einen, der dafür sorgt, dass sich bürgerliches Leben und demografischer Wandel ungestört vollziehen. Superhelden sind ja immer auch ein bisschen Maskottchen. Jede Stadt hat den Schutzpatron, den sie verdient. In unserem Fall also ist das Cäptain Chämnitz, der ja eigentlich ein Guter ist. Aber ein Grantler.

Freie Presse: Folgt man Ihrem Szenario, sind in Chemnitz die Rentner in der Überzahl und wehren sich mit Kräften gegen Veränderungen und kreative Tendenzen.

Chemnitzer Senioren sind selbstbewusst. Ich bin schon das eine oder andere Mal vor Einkaufsregalen weggeschubst worden. Die alten Leute wollen heute näher am Zeitgeschehen sein. Sie geben Gartenpartys, man trifft sie im Fitnessstudio. Da spricht auch gar nichts gegen, nur ist es oftmals so, dass die Junggebliebenen mit den wirklich Jungen, deren Nöten und Bedürfnissen, nichts mehr zu tun haben wollen. Die Älteren fühlen sich von jungen Leuten belästigt, im schlimmsten Fall bedroht. Der Dialog ist verloren gegangen. Eine Figur wie Herr Neumann ist natürlich überzeichnet, ein Klischee - aber eines, mit dem jeder von uns schon mal in Berührung gekommen ist: Er ist der, der die Polizei ruft, wenn die Party gerade lustig wird. Der in der Straßenbahn lautstark seinen Platz einfordert, obwohl man bereits am Aufstehen ist.

Freie Presse: Als Sozialarbeiter kennen Sie die Chemnitzer Problemzonen wie kein anderer. Woran leidet die Jugend dieser Stadt?

Die jungen Erwachsenen durchleben Lebenskrisen oft aufgrund von Drogen und Perspektivlosigkeit. Unter den Älteren sind es meistens die klassischen Wendeverlierer, mit denen ich zu tun habe: Erst den Job verloren, dann abgestürzt. Ich glaube, in den Leuten steckt generell immer noch viel Frust. Ich meine, Karl-Marx-Stadt war eine Arbeiterstadt. Hier herrscht noch immer das Selbstverständnis: Ich schaffe, also bin ich. Nur kreatives Schaffen interessiert viele Menschen nicht so. Obwohl die Stadt große Künstler hervorgebracht hat. Auch meine Eltern sagten mir: Kind, mach was Ordentliches. Wobei was Ordentliches eben meist die Maurerkelle ist, nicht etwa die Spraydose.

Freie Presse: Manch einer nennt das bodenständig.

Aber der Chemnitzer hat einen Hang zum Spießbürger. Ich bin wohl traumatisiert: In der Innenstadt gibt es dieses Jack Wolfskin-Geschäft. Ich brauchte Schuhe und wollte da rein. Doch vor dem Laden stand eine riesige Schlange hauptsächlich älterer Menschen. Das war grotesk. Wer trägt einen Himalaja-Windbreaker beim Unkrautzupfen?

Freie Presse: Sie hätten die Stadt verlassen können. Was hält Sie hier?

Ach, meine Jugendzeit hallt schon nach. In meinen ersten Zeichnungen ging es um Ratten und Punkrock. Ich hatte selbst eine Band namens "Gelber Schnee". Wir haben die Dörfer mit unseren drei Akkorden bespielt. Grauenhaft schlecht, aber das war unsere Art, eine Schneise in die Tristesse zu schlagen. Die Stadt hat es einem nie leicht gemacht. Aber der raue Wind in den Straßen zwingt, in Bewegung zu bleiben.

Freie Presse: Kein Superheld ohne Widersacher. Ihre Idee im Kampf gegen den demografischen Wandel?

Was wir brauchen, ist ein soziokulturelles Zentrum, ein Senioren-Alternativcafé vielleicht. Wir haben auf dem Brühl mit dem Bandbüro und der Karl-Liebknecht-Schule ein Quartier für junge Menschen geschaffen. Warum soll da nicht auch Platz für ein generationenübergreifendes Miteinander sein? Vielleicht ist es ja an meiner Altersgruppe, Schnittstellen zu schaffen. Ich halte mich selber für jung im Denken, aber ganz frei von bürgerlichen Mechanismen kann auch ich mich nicht mehr machen: Urlaub im Zelt ist eher nicht mehr drin. Dafür ein ordentliches Auto. In der WG über mir werden öfter Partys gefeiert. Früher habe ich mitgemacht. Aber als es neulich laut wurde, habe ich eine Stunde mit mir gerungen, dann bin ich hoch. Um mir Ruhe auszubitten.

Freie Presse: Sie haben den Cäptain raushängen lassen.

In der Figur steckt ja auch mein Sein. Deshalb gehen mir die Ideen nicht aus. Ein zweiter Teil ist bereits in Planung. Arbeitstitel: "Cäptain Chämnitz - Der Bildungsbeauftragte". Herr Neumann geht nach - genau - Berlin. Dort bekommt er es erstmals mit der Großstadtjugend zu tun, mit Sprühern und Drogenabhängigen. Kurz: eine Katastrophe. Aber eine unterhaltsame.

Steven Graupner.

Foto: Uwe Mann

 Steven Graupner...

...alias Steven Grau wurde in Lichtenstein geboren und ist in Chemnitz aufgewachsen. Der 41-Jährige arbeitet hauptberuflich als Sozialarbeiter und ist Vater zweier Kinder.2012 veröffentlichte er sein erstes Comic-Heft "Sand kann man nicht essen" im Chemnitzer Verlag Thenextart. Dort erschien kürzlich auch der erste Band von "Cäptain Chämnitz".

Das Comic "Cäptain Chämnitz", 34 Seiten für 5 Euro ISBN: 978-3-939400-48-6. www.thenextart.de

 
erschienen am 01.03.2013
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
2
(Anmeldung erforderlich)
  • 03.03.2013
    14:57 Uhr

    wuehlmaus: Für das Senioren- Alternativ- Café ist nächstens gaaaanz viel Platz im bald ehemaligen Akroform- Möbelhaus, Ermafa- Passage. Platz auf mehreren Etagen! Mal sehen, ob Herr Kellenberger das auch gut findet... besser als ewiger Leerstand immerhin.
    Ich finde, Steven Graupner hat den Chemnitzer ganz gut getroffen.

    0 0
     
  • 01.03.2013
    14:09 Uhr

    JukeBoxHero: Na, ganz neu sind die Idee und der Name aber nicht. Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=2rxbiHIGrz4

    Aber was solls. Solange der Comic gut ist...

    0 1
     

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern