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Kunstfestival in ehemaligem Chemnitzer Gefängnis

Zum Thema "Sie verlassen den Verantwortungsbereich"

Chemnitz (dapd-lsc). Das leerstehende frühere Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg ist ab Donnerstag (18. August) Kulisse des Kunstfestivals "Begehungen". Im einstigen Freizeitbereich steht noch "Sportraum" auf einem kleinen Schild neben der weit geöffneten Tür von Raum C 024/025. Drinnen nimmt eine schwarze Stoffbahn das durch zwei schmale, vergitterte Fenster einfallende Licht fast völlig weg, ansonsten herrscht Leere.

Ein junger Mann werkelt an herumliegenden Kabeln, flucht leise vor sich hin. Kein Strom da - der berühmte "Vorführeffekt" hat zugeschlagen. So kann Timo Herbst nur beschreiben, was er in dem schwarzen Zimmer zeigen will: "Ich habe mich in Amerika auf die Terrassen von Häusern gesetzt, die Hausarbeit der Bewohner erledigt und das Ganze gefilmt. Das Spannende waren die Reaktionen der Leute, die von der Frage beherrscht waren: Was tut der da auf meiner Terrasse? Ich lasse die Bilder sprechen, habe nur ein paar Texte eingeblendet."

Das achtminütige Video ist eine der Arbeiten, die bis Sonntag (21. August) beim Kunstfestival unter dem Motto "Sie verlassen den Verantwortungsbereich" gezeigt werden. 53 Künstler und Künstlergruppen aus dem In- und Ausland nähern sich dem Thema mit Malerei, Grafik, Fotografie, Installationen, Lyrik und anderen Kunstformen.

Eva-Maria Gräfer vom Verein Chemnitzer Begehungen berichtet, dass das Motto eher feststand als der Veranstaltungsort. Der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement habe die im vergangenen Jahr geräumte Justizvollzugsanstalt unkompliziert für das Kunstprojekt zur Verfügung gestellt. Der beabsichtigte Verkauf der bis zu 125 Jahre alten Gebäude ziehe sich offenbar länger hin als geplant.

Haftzellen, Flure, Verwaltungsräume in zwei der vier Gefängnistrakte sowie der Hof bieten viel Platz für die unterschiedlichen Kunstformen. Manchmal wird das Gebäude selbst zum Teil der Inszenierung, beispielsweise wenn überlebensgroße Kunststoff-Ameisen die Wände in einem Lichthof hinauf zu krabbeln scheinen. Diese Installation einer Koreanerin sei nicht neu, aber speziell für diesen Ort umkonzipiert worden, erläutert Gräfer.

Hohe Internationalität und Genrevielfalt seien das Markenzeichen der "Begehungen" 2011. Von einer Fotoausstellung auf dem Chemnitzer Sonnenberg im Jahr 2003 habe sich das Festival zu einem begehrten Treffpunkt der jungen Szene entwickelt. Zwar hätten sich die meisten Teilnehmer außerhalb ihres Freundeskreises, ihrer Hochschule oder Stadt noch keinen Namen gemacht, aber das könne sich ja ändern. In Chemnitz gebe es einen Publikumspreis in Höhe von 1.000 Euro und eine Einzelausstellung im Kulturzentrum "Weltecho" als Preis der Jury zu gewinnen.

Die "Begehungen" werden von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Stadt Chemnitz gefördert. "Uns steht eine Summe im niedrigen fünfstelligen Bereich zur Verfügung. Damit können wir die Künstler leider nicht so unterstützen, wie wir gern würden", sagt Gräfer. Bezahlt würden Verpflegung und Übernachtung. Material und Fahrtkosten müssten die Frauen und Männer selbst tragen. Die Organisation lebe von elf Ehrenamtlichen, die ab Sonntag schon das Festival 2012 ins Visier nähmen.

Gräfer hofft, dass die besondere Location deutlich mehr als etwa 3.000 Menschen anzieht - so viele wie im Vorjahr, als eine alte Schule im Stadtteil Brühl vorübergehend wiederbelebt wurde. Alles könne der Besucher nicht auf einmal ansehen, die "Begehung" treppauf, treppab mache auch müde. "Bis zum Sonntag sollen die Leute ja ein paar Mal wiederkommen, dafür ist der Eintritt frei", wirbt die Mitorganisatorin.

Dass es mal keine alte Fabrik sei, mache gerade den Reiz aus, sagt Timo Herbst über den diesjährigen Ort. Er sei überrascht gewesen, dass das Gebäude "wirklich so aussieht, wie man sich ein Gefängnis vorstellt". Daraus entstünden sofort Fragen, wie das Leben hier gewesen sei und welche Spuren noch davon zeugten. Er habe gleich zur Kamera gegriffen, verrät der Student der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchdruck. Vielleicht werde daraus das nächste Kunstprojekt.

Kunst erobert in Sachsen zunehmend Orte, die früher anderen Zwecken dienten. Der ehemalige Dresdner Schlachthof bildet derzeit die Kulisse für die internationale "Ostrale", in Leipzig sind die Baumwollspinnerei oder das Tapetenwerk längst bekannte Adressen von Galerien, Auktionen und anderem.

dapd

 
erschienen am 17.08.2011
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